Die Konfiguration

Sie saß an einem Tisch, die Füße um die Beine des Stuhls geschlungen, nach vorn gebeugt. Sie bewegte sich langsam, als würde sie durch die Realität schwimmen, mit Vorsicht, in filigraner Schönheit. Lüstern bewegten sich ihre Finger über die Puzzle-Teile. Verschwommen nahm sie Bilder wahr, jedes der Teile einzeln ein Universum, doch zusammen…. sie dachte nicht daran. Die Nachbarin schrie ihre Kinder an, als diese über die niedrige Decke im 2. Geschoss tobten. Von unten fühlte sie den Berufsverkehr. Ein Baby schrie am Horizont. Unbewusst nahm sie all diese Dinge wahr. Doch… Die Konfiguration war zu wichtig. Es gab keinen Fehler, es gab nur den Tod. Sie blickte nicht auf, als der Fernseher zum Leben erwachte und den Raum mit seinem Rauschen erfüllte. Staubflocken wirbelten über ihre Haare, von gleicher Farbe. Hände berührten sie, zerrten sanft, ließen ab, verschwanden. Jedes Puzzlestück war ein Universum, wichtig, zu wichtig. Sie wehrte sich gegen den Impuls, der sich bereits seit Stunden quälte. Sie verdrängte ihn. Farbtropfen schwammen im Ozean eines jedes Teils. Wenn sie sich konzentrierte, sah sie Ereignisse, hörte Lachen, fühlte unbekannte Existenzen. Doch der Impuls kehrte wieder, stärker denn je. Krämpfe durchliefen ihren Arm, während ihre Hand sich senkte und das Teil in die Lücke presste. Falsch. Aus der Ferne hörte sie wütendes Kreischen, welches sich in Sekunden in ein bizarres, jenseitiges Lachen verwandelte. Sie sah auf das Bild: das Aufbäumen eines Farbwirbel von unheimlicher Klarheit, einer Welle gleich, welche die Bruchteile verzerrter Träume in den ewigen Abgrund riss. „Ich habe das Teil noch gar nicht losgelassen“ brüllte sie verzweifelt, als sie trotz aller Bemühungen das Teil nicht aus dem zuckenden Bild ziehen konnte. Hände packten sie, zogen sie zurück. Doch sie konnte das falsche Stück nicht loslassen, durfte es nicht opfern. Sie wusste, wer kommen würde: Dämonen, Zerstörer der Konfiguration, Vernichter des großen Plans. Noch während die Patientin in ihr Zimmer gebracht und ruhiggestellt wurde, starrte der weißgekleidete Mann auf das Bild auf dem Tisch. Er lächelte. Dann nahm er ein Puzzle-Teil und betrachtete es eindringlich. Ein wenig Weiß hier, einige Tropfen hellblauer Farbe dort. Es erinnerte ihn an an den Himmel seiner Heimat, die er vor 20 Jahren verlassen hatte. Er schüttelte den Gedanken ab und steckte das Teil mitten in das Bild. Er lachte laut. „Konfiguration, wie faszinierend.“ Dann explodierte sein Kopf.

(c) Emanuel Mayer 09.01.2011

Advertisements

Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 09/01/2011, in Frisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: