Sehen

Als Eugen nach Hause kam, wunderte er sich sehr. Wo früher ein Topf auf dem Herd stand, und 2 Teller auf dem Tisch standen (die nie beide von ihm gebraucht wurden), so fing eine dünne Staubschicht an, sich in den Ritzen des Tisches abzusetzen.

War heute etwas besonderes los, daß einfach nichts bereit war?

Er hatte seine 8h Arbeit hinter sich gebracht, in seinem gewohnten Umfeld als Archivar des Rathauses von Berlin. Nichts war besonders gewesen. Keine Atombombe war gefallen, wie er es vermutet hatte. (Nebenbei bemerkt erzählen die Nachrichtensender immer den grössten Unsinn.)

Überrascht wegen des Nichtvorhandenseins seines fertigen Essens schaute er sich um. Kein Laut war zu hören, kein plötzlicher Duft von Rosen und Jasmin, wie es ihm schon so oft aufgefallen war, daß er den Geruch als allumfassend ansah. Und nun war er weg.

Er war allein. Allein mit seinen Gedanken. Allein ohne den Hauch von Anwesenheit einer anderen Person.

Er setzte sich in seinen Sessel und wartete. Wartete auf Erleuchtung, eine Eingebung, irgendetwas Normales. Nichts passierte.

Die Sonne ging langsam unter und Eugen wurde hungrig. Was tun? Wieso stand das Essen nicht auf dem Tisch?

Wo waren die beiden kleinen Jungs, die immer durch die Gegend liefen, sich an ihm festkrallten und „Papa Papa“ riefen. Sie waren immer seltener gekommen, was Eugen auch nicht verwunderte: er hatte immer versucht, diese Fremden (wie kamen sie überhaupt in die Wohnung?) zu ignorieren.

Niedlich hatten sie ausgesehen. Schatten im Gesicht, wie der Papa. Wieder dieses Wort…

Eugen verlor sich in Gedanken…. in Gedanken an seine Kindheit. Das Essen stand auf dem Tisch, der grosse Mann mit dem schattigen Gesicht saß ihm gegenüber und sprach mit ihm. Eugen antwortete brav, verstand aber viele Dinge nicht. Das Essen wurde gegessen, ein Teller war immer zuviel, wurde aber auch immer leerer, ohne daß Eugen jemanden sah. Der große Mann war immer sehr eigenartig gewesen, er sprach mit der leeren Küche.

Der kleine Eugen gewöhnte sich dran, daß es für ihn normal war. Nur hin und wieder wurde er von sanften Berührungen geweckt, von Düften, die nicht von dieser Welt waren, von Geräuschen, die er nicht zuordnen konnte. Auch lief er manchmal gegen unsichtbare Dinge, die zurückwichen.

In der Gruppe, die er in der Schule besuchte, waren einige Plätze leergewesen, aber er wurde immer vertrieben, wenn er sich dort hin setzen wollte. Der Lehrer konnte ihn nicht leiden und schickte ihn immer zum Direktor. Eugen jedoch sah keine Probleme und anscheinend der Direktor auch nicht, denn dieser lächelte immer nett und liess ihn gehen.

Weil Eugen auf der Strasse auch immer mit den Unsichtbaren zusammenstieß, lief er immer langsamer und an der Hauswand entlang. Es hatte auch den Vorteil, daß er komische Dinge sah… Männer, die einfach so redeten oder ihre Arme in der Luft hängen ließen. Wie unpraktisch, dachte sich Eugen und lief weiter, dorthin, wo der große Mann mit den Schatten im Gesicht wohnte.

Es war Nacht geworden und Eugen zog sich in sein Zimmer zurück. Er hatte immer noch Hunger, er würde morgen noch lang darüber nachdenken müssen, warum das Essen einfach nicht da war.

Im Bett, das komischerweise ein Doppelbett war (woher das kam, war ihm nicht bekannt), legte sich Eugen auf die Fensterseite, wie seit 30 Jahren, seit er einfach eingezogen war.

Er erinnerte sich an diesen Unfall, den er gehabt hatte, als er ein kleines Kind war… damals war es irgendwie anders gewesen… da hatte es irgendwie mehr Menschen gegeben. Er hatte Blitze von Dingen gesehen, als er diese tollen Gefühle gehabt hatte, als ob jetwas am ihm zerrt, „da unten“…. mehrmals, als er eingezogen war. Er hatte sich dabei sehr großartig gefühlt. Später kamen dann diese beiden fremden Kiner, die ein bisschen wie er aussahen.

Hmm, dachte sich Eugen, ich sollte träumen, vielleicht gibt’s das tolle Gefühl wieder mal, auch wenn ich so verdammt hungrig bin.

Als er sich zur Seite drehte, überkam ihn ein scharfes Gefühl der Angst, ein beissender Geruch stieg ihm in die Nase, er konnte sich nicht mehr beherrschen, irgendetwas verschob sich knirschend, er schrie vor Angst und Schmerz, seine Augen fingen an zu tränen und

er sah.

(C)Emanuel Mayer 14.04.2006

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 16/01/2011, in Wiederbelebungen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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