555-Eternity

Ah, Sie sind Herr Müller, ja kommen sie doch rein. Regina wird Ihnen sicher einen Stuhl hinstellen. Regina, sei doch so lieb. Ah, schnell ist sie, meine Regina, ich wäre ohne sie komplett aufgeschmissen. Setzen Sie sich doch. Sie sind…äh… lassen Sie einen alten Mann seine Gedanken sammeln. Stimmt, Sie sind der Reporter. Ich sehe schon Ihren Gesichtsausdruck, Sie wirken enttäuscht. Ich merke schon: heutzutage kann man keinen mehr mit einer normalen Geschichte hinterm Ofen hervorlocken. Da muss was Knackiges geschrieben werden, ist es nicht so, Herr äh… Müller. Ja, es stimmt. Ich habe Regina Sie anrufen lassen, weil ich mir Sorgen mache. Sie haben es doch auch gehört, diese Leute, die seit einiger Zeit verschwinden. Hmm, ja, verursachen schon ziemliche Aufregung, nicht wahr? Und besser einem alten Zausel wie mir eine Geschichte aus den morschen Rippen leiern, als gar nix zu wissen. Nun gut. Beginnen wir. Ein alter Zausel war ich nicht immer. Damals, um die 50 Jahre her, in den wilden 60ern war ich und mein Kumpel Hans in der ganzen Welt unterwegs. Wir haben viel erwartet und wir haben noch mehr erhofft. Wir waren vielleicht noch Kinder, als der große Krieg im Gange war, aber: wir hatten überlebt und wollten raus. Raus aus Deutschland, hier wohnten doch nur alte Leute, die den Typen damals an die Macht gelassen hatten. Der Krieg steckte uns tief in den Knochen, wie sagt man: versteckt sich im Unterbewusstsein. Jedenfalls sind wir sehr billig nach Amerika gekommen, wie viele andere auch. Können Sie das verstehen, Herr… Müller? Ja, die Leute wollten frei sein. Ja, zu den „Hippies“ wollten wir. Wir waren aber nicht wie diese Faulpelze, die den Staat zahlen ließen, wir stahlen oder bettelten nicht. Wir fanden das kreuzdämlich. Und deshalb mochten wir die Hippies auch nicht sonderlich, wenn Sie verstehen. Ich und Hans, wir versuchten unser Glück bei einer kleinen Zeitung in San Francisco oder wie man es damals nannte „Frisco“. Er war für den Sport verantwortlich, denn er war schon immer ein guter Sportler gewesen, eine Maschine vor dem Herrn. Ich allerdings, auch wenn ich nicht mehr so aussehe, war das Hirn. Ich liebte die neuen Entdeckungen. Es war eine schöne Zeit, immer ein bisschen Geld im der Brieftasche, den Geruch von Räucherstäbchen in der Luft und wir beide konnten unserem Hobby nachgehen, sie wissen schon… hübsche Frauen und kristalline Substanzen, wenn Sie wissen, was ich meine. Warum ich das erzähle? Seien Sie mal nicht aggressiv. Sie sind jung, haben Zeit und das hier ist die beste Story, die Sie kriegen können. Denn genau wie jetzt, verkleinerte sich die Menge unsere Freunde, der Hippies, sie verschwanden schneller, als man es erwartete. Mag sein, dass der eine oder andere von den Bullen geschnappt wurde oder nach Kanada abgehauen ist. Sie waren einfach fort, Von einem Tag zum anderen. Puff, weg. Hans war natürlich sofort an der Sache interessiert. Gewisse paranoide Tendenzen traten bei ihm auf, er witterte Verschwörung und Verrat. Bald sah ich ihn nicht mehr auf dem Campus nebenan trainieren und den jungen Mädchen hinterherzupfeifen, sondern traute sich nicht mehr aus dem Haus. Unsere Chefs fragten schon an, was mit ihm wäre. „Er ist krank“ sagte ich dann zu ihnen. „Geistig krank“ dachte ich mir dann immer und kicherte. Anscheinend waren die Typen genauso bekifft wie jeder in dieser Stadt. Ich entschloss mich aber, der Sache nachzugehen, rein mit Logik und Vernunft. Ich verkleidete mich als ein Hippie. Wir hatte genug Freunde und nachdem sie weg waren, nun, genug Kleidung war vorhanden. Wissen Sie, wie furchtbar solch ein Mensch stinkt? Sie haben ja keine Ahnung. Jedenfalls fragte ich ein paar Leute und, Sie kennen das, ich versuchte unauffällig zu sein. Leider haben sie anscheinend gerochen, dass ich keiner von ihnen war. Es dauerte ein paar Tage und ein Umweg von ein paar Kilometern. Ich wollte schon wieder zur Redaktion zurückkehren, als sich direkt vor mir ein Bettler aufbaute. Oder ein Hippie, egal. Er fuchtelte mit den Armen um mich herum und benahm sich wie ein junger Affe, der in ein Stück Nagel getreten war. Ich wollte ihn ignorieren, als er ausholte und mir eins mitten auf die Nase gab. Dann war er weg. Ich lief ihm hinterher, naja, ich humpelte fluchend, weil ich beim aufstehen bemerkte, dass meine Brieftasche weg war. Natürlich fand ich ihn nicht, aber seine Klamotten in der Nähe eines Gullis, der Deckel hatte schon länger gefehlt, die Behörden hatten einen leuchtend gelben Streifen an Farbe darum gemalt, damit niemand nüchternes hineinfällt. Ich holte meine Brieftasche und ein winziges Heftchen hervor. Eine Spur? Ich denke, dass es keine Spur war, nur ein Hinweis, meine Hände von der Sache zu lassen. Eine Art Heftchen für Pillen, wenn Sie wissen, was ich meine. Es war leer. Ich war begeistert, richtig stinksauer, bis mir eine Nummer auf der Rückseite auffiel. „555-Eternity“ Was zur Hölle, dachte ich, aber ich ging schnurstracks, wie ein 22jähriger halt schnurstracks läuft, in die Redaktion. Sie wollten mich schon rauswerfen, aber ich zeigte mich wieder als Mensch, nachdem ich die Sachen auf den Boden geworfen hatte. Die Nummer war von lustiger Musik unterlegt. Mein Redakteur murrte und zeigte auf seine Nase. Ich nickte. „Ich hau dir gerne eine aufs Maul.“ sagte ich leise. Er verstand es nicht. Gut so. „Möchten Sie die Erweiterung des Geistes testen?“ fragte mich eine Stimme, weiblich, charmant, fast sexuell anrüchig. „Wer sind Sie?“ fragte ich die Person am anderen Ende und erklärte, dass ich die Nummer gefunden hätte. Die Frau nannte keinen Namen, aber eine Adresse, kaum 1 km weit weg. Ich legte auf und kicherte. Alles für eine Story, nicht wahr, Herr Müller? 2 Stunden lang beschwafelte mich ein Wissenschaftler der Marke „Wahnsinnig, Weltuntergangsprophet, Irrer“, bis ich ihn darum bat, die Sache abzukürzen. Ich verstand es immer noch nicht. Es sollte wohl die „Hypophyse“ ansprechen, Ärger und Geilheit verändern und uns damit ins nächste Universum der Wissenschaft katapultieren. Ich wollte schon gehen, als er meinte: „Hey, eine Kostprobe hat noch keinen umgebracht.“ Ich nahm eine der Pillen und ein Briefchen, aber nahm mir vor, nicht mehr wiederzukommen. Vertrauen Sie mir, Herr… Müller, wenn Ihnen jemand Pillen andrehen will: sagen Sie nein. Ich ging dann nach Hause und wollte mir gerade die Pille zu Gemüte führen, als Hans in mein Zimmer stürmte. „Es sind schon wieder 10 Leute verschwunden.“ Ich versuchte ihn zu beruhigen. Er fluchte und zerrte an mir herum. „Glaubst du wirklich, dass man die Leute vernichten will? Wie denn?“ fragte ich ihn, doch er antwortet nicht. „555-Eternity?“ fragte er, als er das leere Heftchen sah. Ich lächelte. „Irgendso ein Schwachsinn, den ich mal teste.“ Hans packte meine Hand. „Tu das nicht. Das ist Teufelszeug.“ Ich schüttelte den Kopf. „Lass es, Hans. Es ist nur ein Test. Vermutlich nur Vitamine.“ Er starrte mich an. Dann holte er aus, schneller als ich reagieren konnte und schlug mir direkt in den Bauch. Ich keuchte, Galle und Magensaft kam mir hoch und ich hätte mich fast übergeben. Die Pille rollte über den Boden und blieb direkt vor ihm liegen. „Nur Vitamine? Ich beweise dir das Gegenteil.“ Er hob sie auf und schluckte sie. Die Erfahrungen, Bilder, die folgten waren unbeschreiblich, aber sehr bösartig. Ich schwor mir, dieses Zeug nie anzurühren, nie davon zu reden, denn wer würde mir je glauben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hatte Hans mehr Glück als ich, oder soll ich es als Pech bezeichnen? Denn die Pille wirkte. Ich wurde langsam stutzig, als Hans nach diesem Tag immer öfter verschwand, einfach ging, dann wiederkam. Seine Paranoia hatte sich augenscheinlich in Wohlgefallen aufgelöst. Ich würde sagen, dass er die Grenzen seiner Realität immer weiter erforschte, sie erweiterte. Wurde er wirklich klüger? Entwickelte er sich weiter? In seiner Welt sicher, aber in der Welt, in der ich mich befand, wurde er zu einem Junkie. Immer mehr Packungen „555-Eternity“ lagen bald im Müll. Ich schüttelte den Kopf, aber er lachte. Und jetzt, passen Sie auf. Eines Tages konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Er stand im Raum, komplett nackt und seine Verrenkungen waren so verzweifelt, als wollte er tanzen lernen, hätte aber zu viele Arme und Beine. Ich fragte ihn, natürlich nur aus Scherz, was das solle. Er schaute tatsächlich zu mir hin, als wäre ich eine Kreatur unter ihm, als wäre er besser. Es ist ein „evolutionärer Tanz“, meinte er theatralisch. Das wäre eine neue Erfindung, um die Evolution nach vorn zu treiben, sie würde zusammen mit dem dem „555-Eternity“ zusammen wahre Wunder vollbringen. Ich aber lachte nur in mich herein, wurde aber schnell traurig. Mir war bewusst, dass ich meinen besten Freund verlieren würde, an diese furchtbare Droge, für die ich verantwortlich war. Woher er sie bekam, wusste ich nicht. Vor einigen Tagen hatte ich LKWs mit militärischen Zeichen vor der Universität gesehen und seitdem stand das Labor leer, Gerätschaften und sogar der verrückte Wissenschaftler, alle weg. Ich wollte noch etwas entgegnen, doch plötzlich änderte sich die Situation. Denn während einer Bewegung des Tanzes begann die Luft um Hans auf einmal zu flimmern. Ich spürte eine Art Wärme, die immer mehr zur Hitze wurde. Die Wand hinter Hans fing an, zu knacken und dunkel zu werden, um seinen Körper herum bildete sich ein Kreis aus kokelndem Parkett. Näher konnte ich nicht mehr an Hans heran, denn aus dem beherrschten jungen Mann, den ich bisher gekannt hatte, wurde plötzlich ein flackerndes… Ding, so muss ich es sagen, ein Ding. Ein Mensch, der leuchtet, aus dessen Körper weitere Arme und Beine schießen und wieder verdorren, ist doch kein Mensch mehr. Funken sprühten, ein Licht pulsierte in ihm, aus jeder Pore seines Körpers schien es zu kommen. Meine Augen finden an zu tränen, ich wandte meinen Blick ab, um nicht blind zu werden. In Panik lief ich aus dem Raum, holte einen Feuerlöscher und versuchte, ihn zu löschen. Das Wesen schrie grauenhaft, der Raum war voller Rauch und der Gestank, wiederlicher furchtbarer Gestank, als würde man verdorrtes Fleisch verbrennen. Es war schlimm. Und das Brutzeln dazu, nein, das Geschrei und das Gebrutzel zusammen werde ich nie vergessen. Sowas brennt sich ein, junger Mann. Brennt sich ein. Als alles vorbei war, machte ich das Fenster auf, um Luft hereinzulassen. Hinter mir hörte ich leise ein Flüstern, oder besser gesagt, das Fauchen, das mir das Rückenmark hinaufzukriechen schien und dann dreht eich mich um und … ahhh, schlimm schlimm, schlimm, schlimm. ich kann mich nicht erinnern, ich will auch nicht, ich will nicht, nein, nein, nein……………………………. äh… Danke mein Schatz. Regina, vielen Dank und ich hätte doch nur gern einen Tee. Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Ich bin doch nur ein alter Mann, Sie machen mir Angst, gehen Sie, gehen Sie weg. äh…… danke für den Tee, meine Schöne. Sind Sie von der Tierzeitung? Wollen Sie mich interviewen? Ich glaube, Regina hat sie angerufen. Ich habe da was, eine Art Echse, die Sie noch nie gesehen haben. sie hört auf den Namen Hans. Wissen Sie, ich hatte da mal einen guten Freund… (c) 18.01.2011 Emanuel Mayer

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 18/01/2011, in Wiederbelebungen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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