Beziehungsstress, fast menschlich

„Guten Abend“, sagte Erwin mit zusammengepressten Augen und deutete auf die Küche. „Wo ist mein Essen.“ Er zitterte und seine Tentakel vibrierten. Er konnte sich wohl nie daran gewöhnen, wie sie heimkam.

Die eben Angesprochene, seine Frau hob eine Augenbraue Augenbraue. Er schüttelte den Kopf und die Tentakal segelten anmutig durch sein Gesicht. Winzige Knochenreste wurden dabei durch den Raum geschleudert und sammelte sich dekorativ an den bereits verdreckten Wänden. Ihr Gesicht flackerte wie der Fernseher, aus dem sie gerade gekommen war.

Dann fiel es ihm wieder ein: Er war arbeitslos. Sie war die ganze Zeit unterwegs. Kein Essen.

Ihr Gesicht zuckte und verlor an Konturen, während ihr Körper ganz ohne Zutun der Realität flackernd die Dimensionen wechselte. Er stand auf und hielt sich grummelnd den Kopf fest. Erneut fiel ihm etwas ein: Die Wohnung war sehr niedrig. Sie schaute auf zu ihm, schweigend, mysteriös, extrem anziehend.

„Du hast Recht, Schatz, Mausezahn, Liebste. Wir essen nichts.“

Sie schüttelte den Kopf und ihr rechter Arm zuckte nach vorn. Bereits nach dem Bruchteil einer Sekunde fand er sie neben sich stehend. Sie hielt eine Handvoll winziger, halb verrotteter Köpfe in Händen. „Das ist alles?“ frage er erbost. „Damals, in den guten alten Zeiten, da hat man mir hunderte, nein tausende…“

„Auffffffff“ hauchte sie und ihre Stimme schien zwischen den Welten zu hängen, dumpfer nepalesischer Kehlkopfgesang stach heute besonder hervor, in der erregenden Mischung aus dem Kreischen von versagenden Schienen, dem letzten Schrei erfolgloser Fluchten aus der Verdammnis und aktueller lauter Pop-Musik hervor. „AUfffffessen. Heuteeee gibt essss nichtsss weiter.“

Erwin nickte. Er setzte sich wieder hin und knabberte verstimmt an den nicht vorhandenen Appetithäppchen. Wieso war er kein Freiberufler wie seine Frau geworden? Vermutlich, weil niemand ihn mehr wollte. Man hatte ihn vergessen, seine Frau aber…

„Wie war dein Tag?“ fragte er. Sie zeigte mit den Fingern „Drei…undsiebzig Jugendliche, die den falllllschen Klingelton benutzt haben, vieeerund…dreißig, die einfach am falschen Platz waren. Ihre Seelen waren…. kösssssstlich.“

Er zuckte mit den Schultern und kratzte sich an den Ohren. Etwas schrie auf. „Aaah“, stöhnte er zufrieden und zog er einen winziges Wesen hervor, „ein Lovecraft-Fan. Es gibt doch noch einige.“ Er grinste und steckte es sich zwischen die Tentakel. Innerhalb von Augenblicken verbrannte die kleine Kreatur kreischend. „Lecker.“

„Duuuuu“, begann seine Frau wieder,“brauchst Arbeit. Ich…. kann das Haus nicht allein… halten.“

Er stand auf, schrie auf und rieb seinen Kopf, der schon wieder an die zu tief hängende Decke geprallt war. „Dieses Drecksloch?“ fragt er. Sie nickte und surrte durch die Gegend. „Wir brauchen mehr Platz, wir brauchen…“ polterte er los. „Ich will…. Kinder von dir.“ Das saß. Wie von einem weissmagischen Spruch der 3. Ebene getroffen, stolperte er nach hinten und rammte die Wand. Das ganze Gebäude erbebte. Der Asteroid begann, unkontrolliert die Umlaufbahn zu verlassen.

„Ein Kind?“ fragte er. Sie verschwand und erschien wieder, saß auf seinem Bauch und kraulte die Tentakel. „Ach, ihr Japanerinnen.“ Er bemerkte, dass er den letzten Satz nicht nur gedacht hatte und richtete sich auf. „Was für ein Kind?“ Sie wusste bereits, was er sagen würde und verdrehte die Augen. „Ein menschliches, das schreit, sich in die Hosen macht und dass du oder ich bei Bedarf essen müssen? Ein zwischendimensionales Geisterwesen, dass durch die Fernsehsender oder Handynetze bewegt und wir ihm nicht mal Hausarrest geben können? Ein Kind aus meiner Rasse, das Welten fressen muss, um zu überleben? Ich weiss nicht, Schatz.“

Zischend löste sie sich auf. Er vernahm ein gekreischtes „Ich habe noch zu tun“ und die winzigen Wesen, die sich bisher still in seinen Hautfalten aufgehalten hatte, schrien auf. Der Fernseher leuchtet auf und sie war schon wieder unterwegs. Er schüttelte den Kopf. „Verdammt“, sprach Erwin Cthulhu zu sich selbst, setzte sich wieder hin. Er hatte noch immer Hunger. Gelangweilt begann er durch das Programm zu zappen. Er begann zu lächeln, als er bemerkte, dass er das richtige Programm erwischt hatte. Eine Geistererscheinung auf dem Konzert voller kreischender Teenager und einer… er schaute genauer hin: „Neogothic-Brothers“. Er kicherte: kreischende Teenager und seine Frau Gemahlin, die gerade durch eine der riesigen Leinwände trat. Er liebte das alte Gefühl von Massenpanik. Herrliche Bilder. „Frauen“, dachte er zärtlich und erinnerte sich, wie er sie kennengelernt hatte. Die klassische Romanze: Japanisches Geistermädchen tritt aus Fernseher und will eine Seele ernten, während einer der großen Alten einen erotischen japanischen Horrorfilm ansieht. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Er spürte, wie ihn eine Inspiration überkam, man rief ihn. Verwirrt starrte er auf den Fernseher. Die Boygroup hatte sich zitternd versteckt und einer der Jugendlichen hatte sich an das… Erwin grinste… Necronomicon gewandt, um sich retten zu lassen. Erwins Lachen durchdrang sein steinernes Zuhause.

Er griff neben sich und packte seinen Reisestab. Seufzend betrachtete er die metallisch glänzenden Nadeln an dessen Spitze, lauschte dem köstlichen Schreien der Aufgespießten, betrachtet liebevoll die Schnitzereien aus den Gebeine der letzten Einhörner und sprach den alten Teleportationsspruch. Sein Handy klingelte. Vorsichtig hob er den schwarzglänzenden Block aus interdimensionalem Gestein aus einer Schublade. Er wollte das Gerät nicht noch einmal verlieren. Die hochentwickelte Technik hatte bereits mehrfach für Verwirrung auf verschiedenen Welten geführt. Er seufzte, als er das Schnaufen am anderen Ende der Leitung hörte. Er wartete einige Augenblicke. „Nein, Nyarlathotep, heute abend nicht. Nein, es liegt nicht an meiner Frau… nein, ich will keinen Besuch. Ich habe zu tun.“

Sein Gegenüber legte fluchend, kichernd, seufzend, weinend auf. Das Portal flackerte noch immer. Aus dem Dunkeln der Ewigkeit, hinter einem samtschwarzen Vorhang aus Zeit und Raum hörte er das Signal, die Sehnsucht nach seinem Besuch, nach einer Rettung „Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.“ Er fühlte, wie die Seelen in seinem Inneren aufschrien in unaussprechlicher Agonie. Wohlgemut schritt er auf das Tor zu. „Was meine Frau immer mit einem Kind hat…“ dachte er und spürte, wie ein Zittern seine Flügel durchlief und den Staub von Äonen abschüttelte, „manchmal macht sie mir schon Angst“.

(c) Emanuel Mayer 19.01.2011

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 22/01/2011, in Frisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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