Berlin: Die (un)Möglichkeit einer Madeleine

Wo beginnt es und wo endet es? Es beginnt, wie meistens, über die Inspiration, gute und ungesunde Nahrung herzustellen. Es beginnt noch mehr bei dem Gedanken an Marcel Proust und an den Film „Der Transporter“. Und es endet mit einer Geschichte.

Man muss nicht fragen, was der Zusammenhang zwischen beiden ist, wenn man nicht will. Doch dir, verehrter Leser aus dem 21. Jahrhundert, drücke ich gerne diese unglaublich wichtige C-Information aufs Auge. Die C-Information ist der C-Promi unter den Informationen. Nur so am Rande.

Es begab sich also zu jener Zeit, oder besser, es war einmal in einer kalten Spätwinternacht, da ich, schon wieder, den Film „Der Transporter“ im heimischen Fernsehgerät anschaute. Warum? Ich liebe diesen Film. Und nicht wegen der großartigen Action-Szenen, sondern eher wegen jener wenigen friedvollen Szenen. Eine dieser Szenen ist so göttlich, dass ich sie mit Worten kaum beschreiben kann. Nur so: Es geht um Madeleines.

Marcel Proust beschrieb vor langen Jahrzehnten mit vielen Worten eine geniale Rückblende in seine Kindheit, während er an einer Madeleine knabberte. Da ich die Franzosen kulinarisch und prosaisch überaus bewundere, musste ich mich irgendwann einmal dazu bringen, dieses sanfte, wunderbar frische Stück Süßwerk zu haben. Ich musste es haben!

Natürlich kann man in den Laden gehen und die eingeschweißte Industrievariante für 99 ct/200g kaufen. Nur: das war nicht echt. Das war nicht echt genug für das Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 („Bam, in your Face“), das der Transporter in der Tiefgarage im Intro des Films spielt.

In meinem Supermarkt kaufte ich heute daher Mehl, da ich mein letztes Mehl für wahnsinnige Hefeteig-Experimente genutzt hatte. Butter, tiefgekühlt, Zucker, daheim.

Also machte ich mich auf den Weg, das Wichtigste zu kaufen. Eine Form, eine originale Madeleine-Form, die kleine ekstatische muschelförmige Kuchen produzieren sollte. Ich war bereit, Geld auszugeben. In jener Hinsicht bin ich, wie ein anderer Kollege mir und von sich selbst auch sagte: exzessiv.

Ich ging zuerst in einen Ein-Euro-Laden. Der Erfolg war sehr mangelhaft, dafür hatte ich nun endlich wieder einen Schneebesen und einen Silikon-Ausschaber für die Rührschüssel. Im großen Drogerie-und-alles-Andere-Laden wurde ich dann von der Auswahl angezogen, aber auch nach mehr-minütigem Suchen fand ich nur Springformen für normale Kuchen und (was mir auch noch später zu oft vor die Augen kommen sollte:) Muffins & Cupcakes. Der nächste Billigladen stand an und wieder ging ich hinaus. Leichter Ärger machte sich breit, noch immer im Hintergrund. Mein Optimismus schien sich nicht bremsen zu lassen.

Der Laden, welcher sich an die Handwerker und an Menschen, die Koch- und Backgerätschaften wandte hatte beträchtlich mehr Auswahl. Langsam begann mein Unterkiefer zu knirschen, denn auch hier: Torten/Kuchenformen. Ich ging auf den Knien, um auch die niedrigsten Regionen der Regale zu durchsuchen. Der Erfolg war null. Dafür gab es (wie großartig!) Weihnachtskuchen-Formen. Genial. Absolut sinnlos. Aber dafür günstiger.

Ich stampfte hinaus und gleich hinein ins Karstadt. Ich begann, leise mit mir selbst zu reden und besprach die Möglichkeit, meine ersten 3 Kinder der Person zu weihen, die mir helfen würde. Oder ich würde meine Kinder Karstadt 1-3 nennen.

Langsam kannte ich die Auswahl an Förmchen und ihre Hersteller und Preise auswendig. Wunderschöne Backgerätschaften leuchteten vor mir auf und verschwanden, sobald ich laut aufschrie. Im Hintergrund hörte ich nur eine Frau, die mit einer Familie diskutierte, dass der Preis des Topf-Sets bereits „inklusive des Abzugs von 10 %“ war und nicht „noch einmal weniger kostet.“

Ich achtete peinlich darauf, nichts zu berühren, was für jeden Menschen mit Rucksack in einer Geschirr-Abteilung eine der wichtigsten Überlebensregeln ist.

Ich entschloss mich nun, langsam am Ende meiner emotionalen Kraft und Rücken-Weh (wieso sind die Regale denn so niedrig?!) noch einen letzten Anlauf zu versuchen und langsam bröckelte mein Entschluss, nur Madeleines aus einer Madeleine-Form zu essen oder es ganz zu lassen.

Sagen wir es so: Vergessen kam nicht in Frage, so dass ich nun nur noch durch sämtliche Drogerien, Spaßläden, die zu 100% Kitsch verkaufen, Buchläden mit Kochbüchern und natürlich auch welche mit Backblech oder erneut „MUFFINBACKFORMEN“ und sogar „PRALINENBASTELFORMEN!“ im Angebot hatten.

Schmerzhaft sah ich ein, dass es in meiner Gegend keine Madeleine-Formen gibt, sei es aus Angst, dass keiner mehr „MUFFINS!“ zu sich nimmt oder Furcht vor französischen Einflüssen und kaufte, Schreck-und-Graus eine Packung „MUFFIN!!!“-Papierformen. Die müsste ich nicht ewig aufheben, die wären weg, wenn ich sie benutzt hätte.

Sowohl mein Unterbewusstsein als auch das Schicksal begannen mich zu hassen, denn ich benötigte noch Milch, Aroma und Eier. Eine gefühlte Ewigkeit schwankte ich durch einen Supermarkt, nur um die Eier nicht zu finden. Und das Aroma war natürlich von einem riesigen Wagen von Pappkartons zugestellt und während ich mich durch diesen quälte, bereits der erste Rentner seinen mit 3 Gurken und Leichtkonfitüre Wagen mir in die Waden schob. Ich war zu erschöpft, um ihn an die DDR zu erinnern, was auch unklug gewesen wäre, da ich in Westberlin lebe. Eier fand ich keine. Ernsthaft, es gab keine. Im Hintergrund beschwerte sich noch eine Frau, dass es nur noch dioxinhaltige Eier gäbe, worauf ich meinte, dass das mir scheiß-egal sei und dass sie mit dem Aussehen einer botoxsüchtigen Mumie eh keine Chance mehr bei Männern hätte. Vermutlich war meine Eskalation auch nur in meinen Gedanken vorhanden, denn niemand schlug mich.

Eier kaufte ich dann im Lidl.

Und während ich vor 10 Minuten die perfekt vorbereiteten muffinförmigen Madeleines aus dem Ofen holte und bei einigen den mit dem Papierförmchen verschmolzenen Brandteig abschneide und entsorge, weiß ich, warum es keine Madeleine im Laden zu kaufen gibt. Es ist die Sehnsucht nach negativer Erfahrung, die potentielle Möglichkeit, zu jammern und klein beizugeben.

F.U.

Ich bestell mir jetzt eine Form im Internet.

PS: die Pseudo-Madeleines sind dennoch grandios und auch wenn beim nächsten Mal die Sache zu 100% perfekt gelingt, der heutige Tag wird auf ewig „Die Suche nach der verlorenen Dekadenz“ gewidmet sein

© Emanuel Mayer 21.02.2011

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 21/02/2011 in Berlineritis und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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