Berlin – Introspektive, eine Verneigung

Epilog: Vermutlich höre ich zuviel Bowie…ich widme diesen Text Mr. Bowie und Mr. Iggy Pop.

Text: Berlin – Introspektive, eine Verneigung

Berlin… dickes B an der Spree*, menschenfressender, Kreativität-auspressender Moloch im mittelnördlichen Osten des Landes. Oh, wie verzweifle ich an dir, wie belauere ich dich und deine Einwohner, die knarzigen Großmütter an den Ubahnstationen und an den Pennymarkt-Kassen. Wie weiche ich deinen Straßenbahnhaltestellen aus, wohl wissend, dass sie mich verfolgen werden, wo auch immer ich gewesen bin.

Und wenn der Schnee schmilzt und die Exkremente von Hunden zum Himmel stinken, Überbleibsel angeleinter Mischwesen aus Fleisch und Fastfood-Fett der letzten Monate… das Kopfschütteln vor dem Verteiler ausgenudelter Versprechen „Spenden Sie. Kaufen Sie. Bleiben Sie. Konsumieren Sie.“, dem Wegschauen vor immer dem gleichen Straßenmusikanten, das Lauterstellen der Musik vor derselben Ray-Charles-Verachtung in der Ubahn, immer das gleiche Lied immer der gleichen Leute mit einem pfenniggefüllten Pappbecher. Klingelnde Fahrradfahrer, fluchende Jogger morgens um 7 Uhr… doch da, ein Geschäft, frisch eröffnet, nur einem oder zweier Bilder gewidmet und einer jungen Klientel, die mit einem Kofferradio und Plastik-Sekt-Gläser Kunstlosigkeit provozieren, hier in dieser Stadt.

Bitte, seht es, wie es war, und wie es ist… nur im Chaos kann Kunst erschaffen werden und davon bietet Berlin soviel. Soviel an auseinanderzufriemelnden Schnappschüssen, akustisch-visuellen Verwirrungen, soviel an Bewegung, positive und negative Emotionen, die Eisdecke vor einer winzigen Kneipe, krachend niederfallen und im Vorbeifliegen meta-kubanischen Elektro-Pop im Schelllack-Rauschen ertragen darf, Prominente, die in der Umgebung einen drittklassigen Film drehen… eine Schlacht vor der Goldelse mit Ninjas und CGI-Blut, eine Curry-Wurst vor dem KDW, was im Film „Ninja Assassin“ süchtig macht, nach noch mehr von Berlin, dem dicken B und dann das wichtigste: Bowie war hier, Iggy war hier, Peaches ist hier, die 70er, 80er schweben hier in der Luft, die industrielle Härte des einer noch immer vibrierenden, trennenden Mauer.

Auch wenn viel Weichzeichner manche Gegend überspannt wie ein Bettlaken, auch wenn man lieber zum Sony-Center fährt, wenn man lieber hip ist als trashig, auch wenn die Kneipe auf einmal den Preis verdoppelt haben mag, die Geschäfte, die man schon ewig, also 3 Monate kennt, bereits von einer neuen Spielhalle ersetzt wurde, so bedeutet dies lediglich, dass es keinen Stillstand, keine Apathie gibt, sondern nur Lücken, die vom überlebenssüchtigen, schaffenden, natürlich auch monetären Geist gefüllt werden müssen: Die Natur kennt kein Nichts. Sie kennt wildes Leben.

Stürzen wir uns hinein: Seien wir dankbar, seien wir chaotisch, seien wir kreativ.

(c) Emanuel Mayer, 22.02.2011

* aus dem Lied „Dickes B“ von Seeed

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 22/02/2011 in Berlineritis und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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