Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 9

Kapitel 9 – Vereinigte Hipster Universeller Individualität

„Das Buch, bitteee schön.“ die Stimme hinter der Waffe klingt einschmeichelnd, doch gefährlich.

Sheriff Lester M. Wintersorrow greift zu seinem Gürtel, beginnt jedoch in der Bewegung zu vermuten, dass die Waffe dort ist, wo er Sie hingelegt hat: im oberen Stockwerk. Sein junger Gast hebt die Hände, sein Vater bleibt unberührt.

„Ich frage Sie gerne erneut, da Sie mich gegebenenfalls nicht korrekt gehört haben. Ich möchte gerne das Buch haben, welches vor Ihnen liegt.“

Der Alte spuckt aus, der Tropfen Speichel bleibt an seiner Lippe hängen und gleitet sanft über das Kinn auf seinen wüstensandverdreckten Anzug. „Wer will das Buch?“

„Ich, oder besser gesagt, viele einzelne Persönlichkeiten, die sich zu einer individuellen Gemeinschaft zusammengefunden haben. Kommt rein, Jungs.“

In arhythmischem Stampfen drängt sich eine Schar höchst grotesker Männer und Frauen durch die niedrig scheinende Tür. Kaum sind die Leute drin, stellen sie sich ohne einen vernünftigen Zusammenhalt hier und da, an einer Säule, an einer Wand, auch mitten im Raum hin und bewegen Ihre Köpfe sorgfältig nuanciert in einem unsichtbaren Tanz.

„Das hier,“ sagt die Stimme mit der Pistole wieder, „sind die ‚Vereinigten Hipster Universeller Individualität‘ und mein Ich…“ er tritt in den Raum und einer Beschreibung dieses Menschen möchte ich nicht vorenthalten, denn es erscheint, für alle Anwesenden eine furchtbare Erfahrung, der Hipsterigste, eine Bezeichnung, so neu, dass noch nicht einmal das „Kollegium des schlechten Geschmacks“ es in sein „Jahrbuch des Grauens“ geschrieben hatte.

Immerhin trägt der schmale Mann Hosen, doch was für einige Jahre Vintage war, hat sich bei ihm in eine Jeansstofffiligranität verwandelt, dass man sich nicht entscheiden kann, ob sich hier der Begriff „bleached“ auf die wenigen Quadrat-Millimeter seines ökologisch zubereitetem Zellstoff-Beinkleid mit Rest-Blau oder auf seine rasierten Waden bezieht. Er kleidet sich weiterhin in eine Art Retro-Shirt mit losen Knöpfen an unterschiedlichsten Stellen, einem Schal aus lila Stofffetzen, die frappierend an einen mit Füllertinte bemalten Jutesack erinnert und eine Jacke darüber, eine Art Military-Anime-Mixtur, von der einem bei längerem Hinsehen schlecht werden muss.

Auf dem Kopf ruht eine Mütze mit Flaumfeder und mehreren Pins, geschmückt mit nicht mehr zu erkennenden Musikgruppen voller abgekratzter Flecken, darunter kurz geschnittene Haare im klassischen 1951er Look, eine John-Lennon-Brille in Komplementärfarben rot und blau und, als könne es nicht schlimmer kommen, Dreitagebart mit angedeutetem Oberlippenbärtchen und handgedrehte Zigarette im Mund.

„Ich bin Matthew. Sie können mich auch Matt nennen, ganz wie es Ihnen beliebt.“ Er schwenkt seine Waffe hin und her. „Und nun, das Buch?“

Einer seiner Begleiter schlendert heran, betrachtet die Schrift aufmerksam. „Es scheint, es ist dieses Objekt, Freund.“ Die Zigarette im Mund Matts zuckt. Er tritt näher. „Huch, das ist ja schwer.“

„Es ist auch alt, du Vollpfosten.“ meint der Alte. Matt lächelt unglücklich. „Vollpfosten ist doch keine Beleidigung, alter Mann. Konservativ, das ist eine Beleidigung. Oder alt, das ist eine noch schlimmere Beleidigung. Oder…“ er atmet wieder ein, verschluckte sich dann am Rauch. Seine Zigarette brennt nicht. Vermutlich ein psychologisches Problem.

„Verzeihen Sie, ich habe mich noch nicht an das elektronische Pendant des ausrangierten tabakgefüllten Spasshalms gewöhnt.“ Matt kichert. „So, das ist also das Buch. Ich habe bereits davon gelesen. Die Arkham-Post vom 23.02 irgendeines Jahrgangs, verschwunden vor über 100 Jahren. Eine lange Zeit, nicht wahr? Ich vergesse jedoch nichts. Ich habe Internet.“ Er schnippt imaginäre Asche von seiner Jacke.

„Was wollen Sie hier?“ fragt Sheriff Lester M. Wintersorrow .

„Oh, nur das Buch. Sagen Sie mal, bekommen Sie nichts mit?“

„Aber wieso?“

„Sie haben einen mächtigen Dämonen erweckt. Wir sind nur hier, um ihn entsprechend zu steuern und ein bisschen… anzupassen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, in gewissen Kreisen des Internets nennt man ihn den ‚Black Metal Cowboy‘. Black Metal ist jedoch nur noch kindisch. Und die Bands, diese ganzen Bands, die sind doch nur noch kommerziell. Die bringen ein paar Alben raus, ein zwei eingängige Riffs, kein Schwein hört das und dann holen sie sich nen Produzenten und dann hörens die Leute im Radio. Und dann kommt jemand, schreibt ein Buch über diese ganze Sache und dann will sie wirklich jeder hören und sehen und dann ist es nicht mehr… wie sage ich „TRUE“ oder „HIPSTERMÄSSIG!““

„Und was kümmert mich das?“

„Dasselbe gabs mit Techno. Und mit Metal und mit der guten Musik. Und wir werden ein Zeichen setzen. Wir werden den Cowboy zu einem intellektuellen Messias des Nonkonformismus aufpowern, wir werden ihn zum absoluten Underground-Star machen, der die Menschheit von all den Kopien, all den kapitalistischen Geldverdienbands befreit. Und er wird der Held eines jeden Individuums werden. Er wird kein Black Metal Cowboy mehr sein. Er wird der Hipster-Messias sein.“

„Glauben Sie wirklich, was Sie da reden?“

„Natürlich. Sonst wäre ich nicht hier, sondern würde noch immer auf der Uni sein.“

„Student? Sie sehen allerdings aus wie einer dieser Typen. Sie sind einer dieser Spaßstudenten“

„Nicht mehr als jeder andere in meinem Kurs. Ich bin im 13. Semester Student der Anthroposophie. Ich weiß, wie Sie ticken, ich weiß, wie alle ticken. Deshalb wurde die ‚Vereinigten Hipster Universeller Individualität“ gegründet. Unabhängig davon.“

Matt saugt an seiner Unterlippe. Sie scheint gepierced zu sein, aber so ganz sicher kann man sich nicht sein. „Und nun, kommen Sie mit, Sie werden mich, wie alle anderen auch, begleiten.“

„Wohin?“

„Wohin? Wohin sind Ihre Freunde gebracht worden, wissen Sie das oder stehen auch Sie unter seinem Einfluss.“

„Wessen?“

Matt atmet aus, dann wieder ein. Schweigen. „Natürlich kommen Sie mit zur Gemeinschaft der weißen Universalen Musik. Geleitet vom ‚Vater‘, unserem schlimmsten Feind, neben Umweltzerstörung und Thunfisch in Dosen. Kommen Sie, dann sehen Sie die letzte große Herausforderung für den neuen Hipster-Cowboy: Sigmund, den Techno-Ninja.“

Advertisements

Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 27/02/2011, in Black Metal Cowboy. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: