Kamera-Licht-Aktion

„Mr. Slavis, wir begrüßen Sie zu dieser Sondersendung.“

„Dankeschön. Es ist gut, hier zu sein.“

„Wie fühlen Sie sich?“

„Gut. Etwas aufgeregt.“

„Das können wir alle nachfühlen.“

Klatschen.

„Ist es nicht eigenartig, dass Sie nun hier sind? Kaum 24 Stunden aus ihrer Heimat geflohen und dann geben Sie gleich ein Konzert vor Hundertausenden Menschen.“

„Es ist natürlich, wie sagen Sie, eigenartig. In meiner Heimat, nun, bin ich zwar bekannt, aber unter der Herrschaft eines Diktators zu leben… ein schlechtes Gefühl.“

„Wie war Lituvatita denn so?“

„Hmm, ich sage mal, ein kleines Land, wie man es von romantischen Postkarten kennt. Viele Dörfer, eine Menge Bauern, eine große Hauptstadt mit dem Palast unseres, ich meine, des ehemaligen Chefs der Geheimpolizei, Vlad III.“

„Geheimpolizei ist ein gutes Stichwort. Haben Sie mehr oder weniger unter dieser gelitten als andere?“

„Andere was? Ich meine, wer. Meinen Sie Künstler oder die Bevölkerung im Allgemeinen. Ich weiss nicht…“

„Sowohl als auch. Seien Sie ruhig ehrlich, Sie sind nun frei.“

Klatschen.

„Ich muss mich noch an diese ganze Sache gewöhnen. Ich habe 20 Jahre unter dem Regime gelebt. Sie wissen ja, dass meine Eltern im Laufe der humanitären Aktion in die Provinzen der Ostblockstaaten gereist sind und dann, als Vladimir Tritonkow, der Chef der damaligen Geheimpolizei den Fürsten stürzte und niemand da war, ihn aufzuhalten.“

„Ihr Land hat einige Bodenschätze und ich glaube, damals gelesen zu haben, dass es großen Streit gab, Ihr Land zu befreien. Wir leiden mit Ihnen.“

„Danke sehr. Nun, meine Eltern mussten sich mit dem zufriedengeben, was sie hatten. Zum Glück oder leider, je nachdem, wie man es sieht, habe ich ein kleines Talent geerbt, welches die Menschen berührt. Ich kann ein bisschen singen. Darauf baute Vlad III und liess mich auftreten. Liess einige Produzenten ins Land, die aber trotz Abwerbeversuche nur dazu da waren, mich, wie sagt man, zu pushen.“

„Die Welt liebt Sie.“

„Danke sehr. Ich liebe dieses Land.“

Klatschen.

„Einige Verschwörungstheoretiker meinen allerdings, dass Sie bewusst aus dem Land geschmuggelt wurden, um gewisse geheimdienstliche Informationen zu erlangen. Diese Menschen behaupten, Sie seien ein Spion.“

Lachen.

„Nein, das lehne ich entschieden ab. Ich bin Künstler.“

„Wir freuen uns auf Ihren Auftritt und heißen Sie erneut in diesem Land willkommen.“

„Dankeschön.“

Klatschen.

Zwei Männer treten an das Fenster. Dürre Bäume starren ohne Schatten in die Finsternis hinaus. Die Luft duftet nach rußgetränktem Gras. Ein leichter Nebel kommt auf.

„Eine gute Probe.“

„Danke, Vlad. Ich werde die Heimat vermissen.“

„Ich weiss. Ich werde dich vermissen.“

Stille.

„Hörst du das, mein Junge?“

„Nichts. Da ist nichts.“

„Gut. Das heisst, dass sie kommen. Bis bald, mein Sohn.“

„Bis bald, Vater.“

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 10/04/2011, in Frisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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