Berlin: S-Bahn – Die Musik aus der Tiefe

Es mag sein, dass wir sehr viel von der Welt wissen, von den sozialen Interaktionen, von Pflanzen und Tieren, von Lebewesen im Allgemeinen, die unsere Welt bewohnen, die unserer Sichtweise (in hellem Tageslicht) angepasst sind.

Jedoch muss man sich eingestehen, dass nicht überall Licht scheint und dass man nicht überall Fackeln oder Taschenlampen nutzen kann: wo die Dunkelheit hinter einem undurchdringlichen Schleier liegt, so dass man sich ängstlich davon fern hält.

Ich habe bereits vor einiger zeit eine düstere Erfahrungen beschrieben. Eigentlich sollte es nur eine Heimfahrt in der U-Bahn sein. Technische Probleme ließen die Dunkelheit in die neonerleuchtete Realität eindringen und da waren sie, die Ausgestoßenen.

Doch fahre ich derzeit mit der S-Bahn, dank bereits beschriebener Bauarbeiten und auch hier scheinen Dinge Gestalt anzunehmen, die ich nicht mit Namen nennen kann, oder besser darf. Denn alles, was einen Namen besitzt, bekommt Realität, mehr noch, erscheint in den Herzen der Menschen, in den Träumen der Empfindsamen, in den Bildern der Wahnsinnigen.

Also fuhr ich heute meinen allzu komplizierten Weg in Richtung Alexanderplatz, den guten HPL in der Hand und las von jenen unheimlichen Dingen, die manch einer für wahr und verborgen, der andere, wie ich, für gute Grusel-Scifi halte, die man in eigenen Kurzgeschichten gut verarbeiten kann, wenn man gewillt ist, die Angst zu fühlen, die man beim Schreiben erlebt.

Wolken krochen über den Himmel und einige wenige Wassertropfen sammelten sich an den staubigen Fenstern und rollten schwarzgefärbt hinunter. Die Fetzen von Papier, die im Inneren des Straßenbahnwagens lagen, rollten wie von dem Pesthauch, der durch die Gänge strömte, hin und her. Hin und wieder bildeten die Zeitungen Worte unbekannter Sprachen, die mir ein Zittern über die Haut jagten.

Die Augen meiner Mitfahrer waren halb geschlossen. sie lauschten gebannt. Dann hörte ich es auch.

Ein Mensch, eher eine Kugel von Fleisch, surrte vorsichtig an mir vorbei, summte. Welche Art von Sprachfähigkeiten er zu haben schien, war mir nicht bekannt und die Tiefe seiner Stimme, die gleichzeitig die eine verzerrt groteske Höhe zu haben schien, bohrte sich in meinen Kopf, blieb hängen und grub sich weiter ein. Dann blieb das Wesen stehen. Es griff mit seinen Armen nach hinten und holte eine Art Akkordeon hervor. Das Gefühl unsäglicher Panik bemächtigte sich meiner und wie auch immer ich versuchte, den kommenden Schmerz meiner Seele einzudämmen, es war erfolglos. Es begann zu „singen“. Chromatisch inkorrekte, fantastisch bizarre Tonstrukturen schoben sich durch die Luft, erzeugten atomare Abnormalitäten und ließ die Herzen der Menschen, jener Lebewesen, wie ich eines bin, in tiefste Agonie verfallen. Im Herzen spürte ich ein Bild, eine Art Erinnerung an das Leben, welches dieses Lebewesen mir gegenüber gelebt hatte.

Eine Höhle, erleuchtet von phosphorhaltigen Pilzen, in schmutziges Uringelb getaucht und furchtbar schleimige Wesen, an Zügeln gehalten, um morbide Äcker zu düngen. Und dann deren Herren, Fleischwesen, aufgedunsene Kreaturen, deren Blick stets nach oben geht, nach oben, wo die vergessene Sonne lauert, seit sie in Ihre eigene Welt gezwungen wurden, Jahrtausende in der Vergangenheit. Vertrieben von Menschen ohne Königreiche, von Stämmen, die sich sonst bekriegten, doch einmal zusammenarbeiteten, einmal kämpften, um das Böse, welches sich verbreitete, in das Innere dieser Kugel, genan nt Gaja, Erde, zu pressen, auf dass sie nie mehr herauskämen.

Die Gestalt war vorbeigezogen und spielte ihr Lied, dieses verworrene, unmenschliche Lied und sang dabei vom Aufbegehren der alten Wesen und den sieg über uns, über die schwachen, haarigen Affen, die sie einst besiegten und ich war dankbar, dass ich es nicht mehr erleben muss, wenn die Heerscharen sich aus den Höhlen unter uns herauspressen. Denn noch immer sammeln sie sich da unten in der Tiefe und gleich den Menschen, die zerstritten ihr eigenes Lebenswerk vollbringen suchen, so sind auch jene Wesen noch nicht vereint. Noch
nicht. Was dieses Wesen hier tut… Kurier ist oder nur ein Herold, der den Krieg verkündet, das weiss ich nicht. Das mag ich nicht wissen wollen.

Dankbar, dass ich das Erlebte niederschreiben darf, um Generationen in der Zukunft zu warnen, steige ich aus. Und ich sehe, wie das Wesen ebenso auf den Bahnhof tritt, die Treppe hinuntergeht und eine der unbekannten Türen öffnet, die in den Abgrund unter Berlin führen und ganz tief hinten, hinter all dem Rauschen der Fahrgäste höre ich die Rhythmen eines uralten Volkes, welches sich bereit macht, loszuschlagen.

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 19/05/2011 in Berlineritis, Frisches, Midnight-Stories und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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