Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin… eine Stadt von Gestalten, die man bei Tag sehen und bei Nacht schreiend weglaufen kann, darf, wie auch immer

durch die Bauarbeiten noch immer darauf dressiert, meinen Weg über die S-Bahn zu bestreiten, nach einem bizarren Fußweg durch die Bauarbeitengesprenkelten Fußwege am Alexanderplatz… stehe ich in der Bahn und versuche „Conan“ über mein Handy zu lesen. das gelingt recht gut, dank der Kindle-Software auf dem HTC-Wildfire.

Eine Stimme lässt sich aufschrecken, dann resigniert zusammensinken:

„Möchten Sie eine Zeitung kaufen?“ was sich für mich nur anhört: „möchten Sie…“ ich schüttele den Kopf. Die Gestalt, der Stimme nach Mitte 80, dem Verhalten nach Anfang 20… schlurft weiter. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich.

Vorne im Wagon steigt die junge Frau aus und gleichzeitig steigt ein Mann ein. Dieser beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen und fordert auf, fleißig für ihn zu spenden (1,5 Monate arbeitslos). Er entschuldigt sich pauschal für seinen harschen Tonfall und man bemerkt, dass diese Entschuldigung gegebenenfalls doch gerechtfertigt ist. Ich schaue auf, dann ist der Mann bereits weg. Er verlässt den Wagon durch eine Türe, durch diese….

fast…

zeitgleich erneut eine Gestalt tritt, die eine Zeitschrift verkauft. Ich erkenne, dass Ihre Schuhe besser aussehen als die meinigen. Vermutlich eine Schülerin, was mir der Sprachduktus zu verstehen gibt. Ich schaue aus dem Fenster, und ich sehe nichts draußen. Absolut nichts. Keine hell erleuchtete Stadt, nur ein grauer Schleier.

Die Bahn hält an, die Frau ist an mir vorbeigegangen, die Leute dösen vor sich hin…

ich starre hinaus… und ich sehe, wie die junge Dame sich merkwürdig bewegt, sich in konvulsiven, fast tanzenden Rhythmen dahinzuckt, wie Ihre Haare in den Körper weichen, die Kleidung einen glänzenden Schein annimmt, ein kreischen ertönt und … die Frau weg ist. Stattdessen sehe ich einen Mann, der einen Kasten mit sich führt, darauf geschnallt ein winziges Gerät und die Panik, die mich überfällt, ist nicht gespielt, sondern…

Ein Mann spielt lustige Musik (vermutlich „Hit the Road, Jack“ und ich möchte die Road gerne hitten…)und ich weiß mit neu erwachter Erkenntnis, dass das Nichts, das das draußen wartet, auf ihn wartet, nicht auf mich, nicht auf uns… auf uns Bahnreisende. Ein Opfer ist notwendig, um diesen Fluch, der auf mir lastet… aufzuheben.

Die Bahn fährt und die Ewigkeit erscheint klein im Bezug auf die Fahrt… Die Bahn hält an, entlässt den Musikanten und erneut… die Frage nach dem Kauf einer Zeitschrift… meine Augen flattern bereits…

ich ziehe… einen 50ct-Stück aus der Hosentasche und gebe Sie der Person.

Sie nickt. Wissend ist ihr nicken und ich sehe, wie sich am Horizont Lichter bilden, die durch den Rauch der Dimension dringen, in der wir, wir alle in diesem Wagen, gefangen sind.

Die Türe öffnet sich und ich steige aus. Ich drehe mich nicht um… ich gehe hinunter in die U-Bahn… nur 1 Station… dann bin ich daheim…

„Möchten Sie eine Zeitschrift haben?“

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 27/05/2011 in Berlineritis, Frisches und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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