Mitternacht vor dem Berg

Gewisse Umstände machen es notwendig, dass ich diese letzten Minuten meines natürlichen Lebens damit verbringe, die Geschehnisse der letzten Wochen in einige kurze Sätze zu fassen. Meine Hoffnung liegt darin, dass, wenn meine Existenz in das große Dunkle „hinter dem Schleier“ gegangen ist, andere Menschen überleben und die Kunde heraustragen aus dem Dorf, in dem ich meine Kindheit und meine letzten Tage verbrachte.

Den Beginn des Endes zu finden ist schwer und ich zittere, während der Wind durch die verfallenen Bäume und Sträucher streicht, während der Mond glitzernd am Himmel auf das Erscheinen des Todes wartet. Ich hocke am Rande der Schlucht, über mir nur die Kälte des Weltraums und vor mir, im fahlen Licht meiner Taschenlampe, der Eingang in das Bergwerk.

Eingang. So kann man es wieder nennen, nachdem der Berg für über 208 Jahre ein einziges Grab gewesen war. Zweihundertundacht Jahre, in denen es in meiner Heimatstadt mehr ruhig als aufregend war, auch wenn zwei Weltkriege Ihre Spuren hinterließen, Menschen kamen und gingen. Wir sind eher der Art Menschen, die mit den rauen Umständen, welche sich in den Wetterlagen und die teilweiser Abgeschiedenheit begründen, zurechtkommen. Wir hatten die Vorteile technischer Innovation durchaus sehr früh erkannt und bis ins Jahr 1803 einen regen Abbau an Erzen, Zinn, Silber durchführen können, bis, ja bis der verhängnisvolle Zusammenbruch des kompletten Berges erfolgte. Damals war das glorreiche Handwerk, zumindest für die Stadt, beendet und man musste umdenken und baute sehr schnell Alternativen auf. Man wusste damals zu überleben.

Wieso ich diesen letzten Tagesbruch besonders erwähne und wieso ich nun hier sitze, genau an diesem Ort, hier, in der Schlucht und vor mir, gleich einem Apfelkernhaus, das letzte, steinerne Mahnmal eines Raubbaues, das werde ich erläutern, so ich hoffentlich noch Zeit habe. Meine Uhr zeigt eine halbe Stunde vor Mitternacht an.

Wie ich schon schrieb, wurde ich hier geboren. Meine Kindheit eine interessante Mischung aus der verqueren Neugier nach Abenteuer, das man in der Welt nicht erleben konnte und der Erkundung der Umgebung, die unsere Stadt einschloss. Ich war hin und wieder in den dunklen Wäldern unterwegs, die die Stadt umkreisen, das Sonnenlicht dämpfen, die mit leisem Wispern auf die furchtsamen Schritte reagieren, die man abseits der Wege tut. Eine andere Sache waren die Bücher. Bücher, ach wie liebte ich sie. Ich konnte nicht genug bekommen, und so verwandelte sich die Welt um mich herum in ein von unheimlichen Dingen durchstreiftes Ding, denen man nicht auf der Straße, nicht auf dem Dachboden, im Keller begegnen wollte. Grundsätzlich ließen Bücher meine bereits empfindsame Fantasie in helles Feuer aufgehen und ich hoffe nun, da ich hier sitze, in der Finsternis, diese getriebene Kindheit auch einen Sinn hatte.

Nach vielen Jahren zog ich fort, in die große Stadt. Ich floh vor den Eindrücken, die mir die seltenen Spaziergänge durch die nächtlichen, vor sich hindämmernden Straßen bescherten. Hin und wieder trieben mich jedoch Träume, trotz der Lichter der Wohnungen um mich herum, in eben jene Gassen, auf der Flucht vor jemanden, einem Ding, das freudig seine Arme aufspannte, mich begrüßend, wie einen alten Freund. Ich konnte keine Finger erkennen, keine Gliedmaßen, die in irgendeiner Art und Weise menschlich wirkten, ich sah nur Knoten, Fäden die zuckten, gleich einem lebendig gewordenen Spinnennetz, jedoch nicht transparent, eher eine Art Qualle, voller Gelee und Nervenstränge, die wütend vor sich hinpulsierten.

Immer wenn ich erwachte, lag ich da, starrte an die Decke, kaum einen Meter über mir, konnte kaum atmen, so sehr zuckte noch immer das Bild unbekannten Schreckens, von Bindfäden, die schwarz-glänzend zum Leben erwachten, in meinen Augenwinkeln. ich flüchtete mich in faszinierende Bilder, in Bücher, die die Gedanken zum Abklingen bringen sollten, in furchtbar triviale Fernsehsendungen, in ewig-gleich-tönende Musik, doch ich kam nicht wieder herunter. Ich stürzte mich in die Arbeit, doch jede Sekunde, die ich nicht damit verbrachte, grüßte mich das Ding in der Gasse.

Mit der Zeit verschwand es; ich war mir sicher, es käme wieder, wenn ich nicht alles tue, es fernzuhalten.

In jenen dunklen Stunden trieb mich mein Verlangen dazu, mir die Geschichte meiner Heimatstadt durchzulesen. Ich konsultierte Wissenschaftler, die erst recht hilfreich waren, jedoch dann aufgrund ihrer rein nachlässigen Art und Weise, alles, was nicht tiefgreifend auf die Menschheit einwirkte, komplett auszulassen. Als diese mit gewissen historischen Zeitpunkten, dem Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, nichts mehr zu tun haben wollten, weil es halt kaum Aufzeichnungen gab, verließ ich die Pfade der ehrbaren Wissenschaft und arbeitete mich selbst durch staubige Unterlagen in sonnenverlassenen Dachkammern, immer aufgeschreckt vom Knacken der Holzdielen in der Sommerhitze. Ich konnte nicht oft genug in meiner Heimat sein, daher dauerte es auch sehr lang, bis ich endlich etwas brauchbares fand.

Es war, so ich mich noch erinnere, denn Zeit und Raum fliegen an mir vorbei wie aufgeschreckte Hühner, Anfang des Jahres, als mir folgende Mitteilung übermittelt wurde:

„Versteckter Eingangsstollen gefunden

Der allseits bekannte Tagesbruch, der im Jahr 1803 die Geschichte des Bergbaus in unserer Stadt beendet und Todesopfer gefordert hatte, hat zur Entstehung unserer Pinge, eines Naturdenkmals gegen den Fortschrittsglauben geführt. Wir freuen uns, dass nach filigraner Arbeit, über Jahrzehnte hinweg, einige Interessierte einen vergessenen Stollen gefunden haben. Einige Wissenschaftler der Bergbau-Universität haben angekündigt, im Laufe des Frühjahrs einen Blick darauf zu werfen und gegebenenfalls einen stabilen Zugriffspunkt herzustellen.“

Ende der Mitteilung.

Eine filigrane Figur beugte sich, kaum sichtbar, über meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr. „Bald frei.“

Ich schreckte auf, fühlte die Tischplatte unter meiner Haut. Mein Gesicht fühlte sich an, als wäre mein Kopf in einen panischen Krampf verfallen. Mein Verstand hatte versagt, nur so konnte ich mir da grauenvolle Ding in meinem Kopf erklären.

Die Mitteilung steht noch immer vor meinen Augen, als hätte ich sie gestern noch gelesen.

Ich habe viel zu verdrängen versucht, habe gearbeitet wie ein Wahnsinniger, habe angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, lustige kleine Verse, nur um meinen Kopf am Rotieren zu halten. Irgendwann ließ auch meine Kraft nach und ich verlor die Lust. Ja, die Lust, mich diesen Dingen auszusetzen. Ich entschloss mich zu einem Urlaub in der Heimat. Es war bereits Frühling, der Schnee lag noch in den dämmernden Wäldern undhintergründige Kälte schmiegte sich an meine Jacke, während ich den Gassen folgte, die in die Schlucht führten.

Es war kurz nach Mittag, eine Zeit, die normalerweise eine weite Entfernung von der baldigen Dunkelheit der frühen Nacht ist. Doch schon beugte sich die Sonne unter dem Druck einer unbekannten Macht in Richtung Horizont. Noch während ich unterwegs war, änderte sich die Luft in eisiges Blei. Oberhalb der Schlucht blieb ich stehen, berührte mit meinen klammen Fingern die Informationstafel, die ich schon von Kindheit an kannte.

Ich sah Namen. Namen der beiden einzigen Opfer der Katastrophe, die damals verschüttet wurden. Menschen, die Familie hatten: sie waren sogar verwandt. Es faszinierte mich. Waren die beiden Männer tiefer drin als die anderen? War es Zufall gewesen, dass sie, zwei verwandte Menschen, verschwunden waren? Wieso sprach mich dieses Ding an?

Hinter mir hörte ich plötzlich Schritte im Schnee. Ich drehte mich um und starrte auf 5 alte Männer, die sich, ihre Mützen in Händen, näherten. sie schwiegen, während nähertraten.

„Was tun sie hier?“ fragte mich einer der Männer, sein Gesicht tief in einem Wollschal versteckt.

„Ich…“ ich zuckte mit den Schultern. „sie sind sicher hier, weil vor 108 Jahren…“ der Mann verstummte. Ich nickte. „Es ist ein interessantes Datum“, sagte ich. Ich beschrieb Ihnen, dass ich aus dem Ort komme und hin und wieder unterwegs bin, aufmerksam gewisse Dinge betrachte, die sich hier zugetragen haben.

„Die Jugend von heute ist da eher uninteressiert.“ meinte eine Stimme aus der Gruppe. Ich lächelte müde. „Wenn man aus dieser Stadt kommt, hat man nur die Möglichkeit, sie anzunehmen, oder abzulehnen. Einen lauwarmen Weg gibt es nicht.“

„Da haben sie Recht, junger Mann.“

„was tun sie hier?“ fragte ich, „verbringen sie Ihren Lebensabend mit Wanderungen oder gibt es einen speziellen Grund, heute hier zu sein?“

Sie schwiegen. Schnee fiel, vom Wind getrieben in unsere Gesichter und ich musste mich kurz abwenden. Glitzernde Partikel stoben durch die Luft, als die Männer, anfingen, abwechselnd zu erzählen.

„Der Berggeist…“

„… er kommt heraus….“

„. und wir hoffen, dass er uns endlich…“

„…freilässt.“

„Endlich…doch du… fliehe“ Stille.

Ich wirbelte zurück. Vor mir war nur Leere. Tatsächlich war ich allein hier. Mir war bitterlich kalt. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir eine bizarre Zeitverschiebung an. War ich doch kurz nach der Mittagszeit aufgebrochen, so war es jetzt plötzlich bereits 22 Uhr am selben Tag. Ich zitterte.

Irgendwo im Hintergrund heulte ein Waldkauz und ich kam mir, trotz der vor mir liegenden Stadt mit ihren hell erleuchteten Fenstern allein vor. Um mich herum knisterten die Bäume wie in meiner Kindheit. Ich floh.

Einer der „Wesen“, die mir gesprochen hatten, hatte mir seinen Namen genannt. Ich wusste nichts mehr davon, ich konnte schwören, dass jenes oben beschriebene Gespräch, die wenigen Worte, nur so stattgefunden hatte. Aber auf irgendeine bizarre Art und Weise fanden meine Finger auf der Computertastatur der örtlichen Bibliothek Namen. Noch immer läuft mir ein Schauer über den Rücken: Ich fand die Verschwundenen

Verschwunden wie: ins Bergwerk gefahren, nicht mehr aufgetaucht. Es kam oft vor. Zu oft für meine Verhältnisse, wie ich mir in den kommenden Stunden zusammenrechnete. Vermutlich war jedoch in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts Ansturm auf Arbeit hoch genug, so dass Namen zu Statistiken wurden, auf Papier vor sich hinbleichten, vergessen wurden. Es waren meistens Menschen ohne Familien, ohne Anhang hier in der Gegend, Fremde, deren vorheriges Leben in dem Dunkel blieb, in dem sie letztendlich auch verschwanden.

„Der Berggeist…“ eine jener mythologischen Sagengestalten aller bergbauenden Nationen, unterschiedliche Namen, doch stets dasselbe. Bergmönch, Bergwerksdämon.. die Bibliothek sagte mehr, auch fand ich sogar einen Teil von Georgius Agricolas Werk „De animantibus subterraneis“, digital hinterlegt und fand auch hier eine der bizarren Muster, die sich mir dank meiner Erinnerungen an das Wesen in der Gasse tief in meinen Verstand gebrannt hatten. Ich versuchte, nicht zu denken, was geschehen war, wieso dieses Ding in mein Leben getreten war. Müde rollte ich mit dem Stuhl zurück und starrte hinaus in die verheißungsvolle Dämmerung eines neu beginnenden Tages.

Mein übermüdetes Hirn glimmte nur noch vor sich hin. Ein Säuseln drang durch den Raum, setzte sich in meine Ohren, floss in meinen Verstand. „Bald frei.“ flüsterte die Existenz, jenseits von physikalischen Grenzen, tief aus einem mir unbekannten Universum heraus.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“

Es war der Zorn einer verzweifelten Seele in meinen Adern. Ich fühlte, wie die bösartige Macht sich aus dem bald geöffneten Eingang der Tiefe schieben würde, jeden Tag, jede Nacht, bis es gestoppt werden könnte. Doch niemand kann etwas stoppen, was man nicht versteht und selbst wenn: ohnmächtig betrachtet man den Untergang von Menschen, die man liebt, während der Triumph des Dings aus der Tiefe episch zu sein scheint.

Wer kann sagen, dass die Gestalt aufhört, wenn es die Stadt verschlungen hat? Keiner kann es. Und deshalb bin ich hier, in dieser Nacht und ich folge meinem Herzen und seinem Ruf. Denn ich weiß, dass folgende Information, folgende Nachricht, mein Herz zutiefst erschüttert hat und ich hörte aus dieser unmenschlich schwarzen Gruft Dinge aufsteigen, hörte ich die alten Worte, das alte „Glück auf“, die Loren poltern, dieSchreie der Männer und Kinder, die sich immer tiefer durch das Gestein bohrten.

„Wissenschaftler vor Ort vom Wetter überrascht

Heute morgen haben Wissenschaftler der Bergbau-Universität einen ersten Versuch unternommen, den Eingangsstollen freizulegen. Erste Bohrungen waren erfolgreich, so dass eine stabile Öffnung vorgenommen werden konnte. Aufgrund der plötzlichen Änderung des Wetters musste der Versuch jedoch nach wenigen Minuten abgebrochen werden.“

Ich fühlte, nein, sah es anders. Ein plötzlicher Windstoß, fast einem Sturm gleich, ließ die Menschen erzittern, trieb sie zurück und fast wie von Geistern verfolgt, nein, Grauen gepackt, ließen sie ab. Doch sie würden wiederkommen, das alte Übel herausholen aus seinem Gefängnis. Über 200 Jahre ohne menschliches Leid, Nahrung, Seelen, all dies würde sein Neuerscheinen in eine tobende Barbarei treiben.

Ich kannte das Wesen, hatte es schon immer gekannt. Und ganz tief in meinem Herzen wusste ich, weiß ich noch immer, dass ich mich ihm stellen muss. Ich war heute morgen noch einmal vor dem Eingang. Die Risse, die die Arbeiter gemacht haben, sind gewachsen und nicht nur im Augenwinkel diesmal erkenne ich diese winzigen vibrierenden Fäden, die sich wie schwarze Wurzeln aus dem Inneren des Bergs in die Welt da draußen schiebt. Steine poltern zu Boden, während das Ding da drinnen arbeitet und ich höre es heulen vor Hunger und ich sehe, wie endlich, wie eine bizarre Erlösung, seinen Kopf aus dem Stollen schiebt und mich anschaut und vor Freude schreit und es kommt auf mich zu, mehr geflossen als gekrochen, es spottet jeder menschlichen Beschreibung und ich fühle die Seelen der Toten ihn ihm, die nach mehr suchen, die Erlösung suchen. Ich fühle, dass ich Ihnen vielleicht doch helfen könnte, aber ich bin starr vor Angst, meine Buchstaben fallen nur noch … Papier… .. es frisst……

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 01/06/2011 in Frisches, Midnight-Stories und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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