S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

Die Sonne steht hinter dem Horizont und traut sich nicht, mehr als ein paar Strahlen auf den grauen Boden, auf dem Berlin steht, zu feuern.

Hier, auf Schienen, dunkel und alt, rast, so behäbig wie möglich, eine S-Bahn entlang. Ich stehe darinnen, um diese Uhrzeit findet sich kein Sitzplatz und ich nutze meinen Blick über die Köpfe meiner Begleiter, um Ideen für Geschichten zu finden. Dieses Wetter und diese Tageszeit treibt alle in die Bahnen, unauffällige und schöne Menschen, stille und laut telefonierende, alt und jung.

Das Murmeln, Hämmer und Klopfen der Menschen um mich herum wird leiser, unterdrückt, durch den fabelhaften Soundtrack des Films “Sherlock Holmes” und so verbringe ich, auf meine visuellen Fähigkeiten beschränkt, die Zeit in einem Kokon, allein.

Ich schlafe fast ein, es ist ein dumpfer Morgen, das Wetter klebt an mir wie Zuckerwatte. Aus dem Nichts dringt ein vorsichtiges Klackern in mein Hirn. Ich versuche, die Musik lauter zu machen, doch noch immer, klick klack schnarr klack. Ich öffne meine Augen, schaue vorbei an den verwirrten Gesichtern meiner Mitfahrer und sehe einen jungen Mann, hinuntergebeugt, die Finger um einen Würfel gewunden, um einen dieser Rubik-Würfel. Er ist vollkommen konzentriert, seine Stirn bereits ein Bach aus Schweiß, die Augen quellen förmlich hinter seiner Brille hervor; sein Mund hat sich in einen bleistiftdünnen Strich verwandelt und Adern, wo auch immer dieser herkommen, pulsieren verworren über seinen Hals hinunter in das flatternde T-Shirt.

Ich kneife meine Augen zusammen, denn statt einer lustigen Art und Weise, die Zeit einfach vergehen zu lassen, sehe ich einem Kampf, einem echten Kampf zu, eine Schlacht zwischen Mensch und Objekt, zwischen Hirn und Rätsel. Ich trete näher, da mir etwas auffällt, doch etwas stößt mich zurück. Ich schaue auf, er starrt mich an. Er schüttelt den Kopf. “Nicht für dich” flüstert er, “für mich.”

Dann erkenne ich, was kämpft. Aus den schwarzen Rillen im Würfel, der sich durch jede Bewegung verwandelt, dringt eine dunkelgrüne Flamme, ein Strom aus bizarrer Energie, greift über auf seine Fingerkuppen, führt seine Finger gleich einem unsichtbaren Puppenspieler immer wieder über die farbigen Kanten. Es fehlt nicht mehr viel, kaum 3 oder 4 korrekte Zuordnungen. Aufregung macht sich im Wagon breit, als die meisten Leute hinaus wollen, es ist irgendeiner der großen Bahnhöfe auf dem Weg.

Da, ihn erwischt ein großer Mann, ein Fremder, aus dem Nichts, an der Schulter, schiebt ihn mit unerbittlicher, schon absichtlicher Gewalt hinaus ins Freie. Doch der junge Würfelspieler gibt nicht auf. Er stürzt zurück in den Wagen, wird aber zurückgezerrt. Der große Fremde hält ihn an der Schulter fest, grinst ihn mit großen Zähnen an. „Na, geschafft?” Der junge Würfelspieler schüttelt den Kopf und ich fühle, wie sich eine dumpfe Erkenntnis in seinem Hirn manifestiert, etwas dunkles, etwas ewiges, etwas…  “Nein!” schreit er und ich sehe, wie die Fäden aus dunkelgrüner Flamme sich über seine Hände ergießt, gleich einem lebendigen Wesen und ihn innerhalb von Sekunden mit einer flackernden neuen Haut überzieht und mit einem Kreischen, das nicht von dieser Welt kommt, reißt den jungen Mann hinein in die unbekannten Dimensionen des Würfels und ich fühle, dass er nicht der erste ist, der auf diesen alten Trick hereingefallen ist.

Ich schüttele den Kopf, als mir der Mann den Würfel anbietet. „Sorry, ich bin einfach nich geeignet für Ihre Spielchen.”   Doch ich weiss, er wird einen neuen Menschen finden, der den Würfel nutzen will, sei es aus versprochenem Ruhm oder aus Geld, doch jeder Versuch wird genauso erfolglos sein, bei dieser grotesken Spiel ohne Hoffnung. Denn was ich gesehen habe, ist, dass die Farben sich bei jeder Bewegung neu mischen und ich glaube auch fest daran, dass der junge Mann, der nun in einem fernen Universum aufwacht, dies irgendwo in seinem dumpfen Klickern-Klackern wusste und doch nicht aufhören konnte zu spielen.

Ich steige endlich aus und gehe hinaus in die dunkelgraue Stadt. Immerhin gibts hier normale Leute.

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 08/06/2011 in Berlineritis, Frisches und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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