Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Von allen Kreaturen ist die nun beschriebene das erbarmungswürdigste aller Lebewesen, dies nur als Warnung. Sollten Sie Mitleid haben, nehmen Sie sich ruhig die Zeit, ihm in seiner natürlichen Umgebung zu begegnen, die Zeit zwischen Abend- und Morgendämmerung. Dann entscheiden Sie sich anders.

Falls Sie nun also in der Dunkelheit in Berlin unterwegs sind, achten Sie besonders auf auffällige Humanoide. Sie erkennen die betreffenden an einem unwirklichen Gang auf 2 oder mehr Gliedmaßen. Grundsätzlich sind es 2 Beine, je nach Zustand auch nur 1,2-1,7 Beine. Der Zustand lässt sich mit dem Grad von Verwesung berechnen, dafür werden Sie aber keine Zeit haben. Auch wenn die Bewegungen sehr langsam sind, so sind sie auch zielgerichtet. Ja, die Kreatur bewegt sich auf Sie zu. Sie erkennen weiterhin recht schnell einen gewissen sogenannten „Odor“, den Eigengeruch des Wesens. Anfänglich noch streng nach Berlin selbst riechend, kristallisiert sich schnell der kupferige Duft von Blut heraus, und spätestens dann finden Sie sich in einer Wolke von Verfall wieder. Eilen Sie ruhig davon, an einer anderen Ecke finden Sie den Nächsten, der sich an Ihnen laben will. Aber keine Sorge, bis er sie bemerkt, je nach Zustand von Augen, Ohren oder Nase, sind Sie auch davon geeilt.

Sie sehen diese Wesen meistens aus dem Dunkeln treten und im grellen Licht der Straßenlaternen haben Sie vermutlich den Wunsch, zu schreien. Unterlassen Sie dies bitte, die Kreaturen finden Sie über ihre Gehörsinne. Sie haben das Gehör von Fledermäusen und auch deren Augen. Lachen Sie nun ruhig einmal, wenn Sie sich die verfallene Gestalte mit Fledermausohren und zusammengekniffenen Augenresten vorstellen. Na, tut das nicht gut?

Begeben Sie sich nun recht schnell in Richtung eine der vielen Bahnhöfe. Bevorzugen Sie höher gelegene Objekte, wie die Straßenbahn. Die Kreaturen können zwar unter bestimmten Gesichtspunkten sehr hoch springen, aber es fällt ihnen schwer, ein Plateau zu erreichen. Aufgrund ihrer schlechten Sicht landen Sie zu oft an Wänden und werden dann, wenn sie nicht schnell genug entkommen, von unseren Mitarbeitern entsorgt. In den unterirdischen Bahnen begegnen sie Ihnen augenscheinlich zu oft, auf Grund einer weiteren Schwäche, die ich bald erläutern werde.

Wenn sie nun in einer der S-Bahnen, die regelmäßig fahren, angekommen sind und sehen Sie eine der Kreaturen in der Bahn, warten Sie bitte auf die nächste. Falls Sie sich sicher sind, dass der Wagon frei ist, genießen Sie die Fahrt. Ihnen kann nichts passieren.

Sollten Sie auf dem Weg nach Hause oder an den Ort, an dem Sie wollen, Wege außerhalb unserer geschützten Transportmittel durchführen, empfehlen wir Ihnen einige Objekte, die Ihnen helfen können: Weihwasser, Kreuze, ggf. aus Silber (ästhetisch) oder Holz (preiswert) und Pfähle (auch hier in Silber, Holz oder einem wunderbaren Geschenkkarton: eine wunderbare Silberarbeit auf tropischem Zedernholz). Falls Sie mit dem Gedanken spielen, mit einer Machete, Kettensäge oder Beil durch die Großstadt zu reisen, halten Sie bitte eine entsprechende Betriebserlaubnis bereit.

Falls Sie allerdings eine Nachtigall sind und nur am Tag unterwegs sind, empfehlen wir Ihnen dennoch, dieses wertvolle Prospekt zu behalten. Bedenken Sie bitte, dass bald der Winter kommt und die Wesen, denen sie bereits kurz nach 17 Uhr im von der Straßenlaterne beleuchteten Schnee begegnen, nicht immer nette Weihnachtsmann-Vertreter oder Späteinkäufer sind.

Wenn Sie all dies beachten, fühlen Sie sich sicher aufgehoben.

Eine letzte Warnung haben wir dennoch noch vor Sie. Wenn Sie in einem unserer Wagen stehen oder vielleicht schon daheim sind und eine der Kreaturen lauert vor Ihrer Türe, streckt einen der letzten verbleibenden Finger aus und beginnt, erotisch angehauchte Worte zu zischen, lassen sie ihn nicht herein. Nur auf Ihren Wunsch hin hat die Kreatur die Erlaubnis, ein Objekt zu betreten. Ohne dieses ist es durch eine Art „metaphysische Verpflichtung“ daran gebunden, fernzubleiben.

Wenn Sie unsere Hilfestellungen beachten, werden die Beeinträchtigungen des Nachtlebens bald beendet sein. Die Natur hat in diesen Kreaturen, wie oben beschrieben, eine der sinnlosesten evolutionären Nischen betreten, die es im Laufe der Jahrtausende gegeben hat. Sie sind langsam, leiden an körperlicher Instabilität, inklusive eines korrekt funktionierenden Verstandes und sensorischer Einschränkung. Dies und die Unfähigkeit, Tageslicht zu überleben, machen sie in den nächsten Monaten von einer Seuche in eine touristische Attraktion der Hauptstadt.

Haben Sie Mitleid, aber halten Sie sich fern von der traurigsten Kreatur der Welt: eine Mischung aus „Homo Coprophagus Somnambulus“ und „Homo Wampyrus Nosferatu“, oder wie wir ihn scherzhaft zu nennen pflegen: dem Vampirzombie.

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 12/06/2011 in Berlineritis, Frisches, Midnight-Stories und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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