S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

Die ästhetische Komponente der S-Bahn in dieser Stadt liegt im Vorbeiziehen der Häuser und Menschen, aus Tausenden wird eine kompakte Masse, wird eine Bewegte Existenz. Selbst wenn die Bahn steht, fließen Menschen hinein und hinaus, werden Menschen hineingetragen und hinausgefahren.

Die Hereinkommenden werden entweder ignoriert oder misstrauisch betrachtet, nehmen sie doch Platz weg, Luft zum Atmen, kommen näher, schauen einen streng an, wenn man die Musik zu laut aufgedreht hat, reiben ihre Knie nah an die eigenen. Deshalb stehe ich meistens in irgendeiner Ecke und betrachte die Leute. Und ich mache Notizen, lege Wortskizzen, unlesbar, nieder. Die Fahrt auf Schienen ist rucklig und haklig ist meine Schrift. Die junge Frau mit ihrer Mutter dort, die scheu zu Boden schaut, während die Mama lautstark von einem Einkauf schwärmt, von einem „Du musst dich nicht so aufreizend anziehen, Kleine.“ (Die Tochter war Ende 20, daher eine Notiz wert.) Oder jenes Erlebnis… ich war am Ende nicht mehr drin, aber Gerüchte machen die Runde, Gerüchte über den einen Geruch.

Ich stand am zeitigen Abend am Bahnsteig und schaute aus den staubigen Fenstern hinaus auf den Alexanderplatz. Ein Mann tauchte zwischen den Häusern auf, schob einen Wagen vor sich her, einen großen, quadratischen Wagen mit verschiedenen Stoffen, vielleicht Teppichen, belegt. Ich konnte es nicht sehen.

Die Bahn erreichte den Bahnsteig und ich stieg ein. Als sie nun den Transport der vielen Fahrgäste beginnen wollte, schob sich genau eben jener Wagen knackend in die sich schließende Tür und der Schiebende prügelte sein Transportmittel förmlich ins Innere des Wagens. Ich wich ihm aus, da eindeutig sichtbar war, dass entweder Wagen und Mann Platz hätten oder ich und 10 andere Menschen. Ich hätte also gebrochene oder zumindest geprellte Kniescheiben davongetragen. Irgendwann konnte die Tür nach scheinbar minutenlangen lautem Tröten geschlossen werden. Ich freute mich.

Leise Musik strömte in mein Ohr und ich übersah in meiner Heiterkeit, dass die Menschen begannen, unruhig in Richtung Wagen zu starren. Zu abgelenkt bemerkte ich nicht, wie hin und herwackelten, nervös wurden und der eine und andere vorsichtig den Platz wechselte.

Dann schützte die Wand aus Plastik mich nicht mehr, denn etwas Wiederliches kroch durch die Luft, bohrte sich in meine Nase und drang in mein Hirn. Es roch nach Tod: nicht nach frischer Erde oder dumpfen Staub oder der Verfall von Laub im Herbst, es roch nach dem Alten, Bösen, einer Erinnerung an Zeiten, bevor der Mensch lesen und schreiben, diese Dinge hinterlassen konnte.

Ich starrte den Mann an, der seinen Wagen festhielt. Ich trat näher heran, eine Art Neugier hatte mich erfasst. „Was stinkt hier denn so?“ fragte ich ihn unverwandt. „Stinken?“ fragte er. Ich nickte. „Schauen Sie mal. Es ist etwas neues.“ Stücke einer getrockneten Masse tauchten auf, als er den Teppich hob. Die Wand aus Gestank ließ meine Augen tränen, ließ meine Zunge anschwellen und meine Ohren begannen zu erblinden. „Was bei allen…“ fragte ich keuchend. „Amorphophallus titanum“ sagte der Mann und grinste. „Dieses Drecks Titanenwurz-Zeug?“ Er nickte. „Schon davon gehört?“ fragte er. Ich würgte. „Ja. Dieses Zeug ist doch…“

„Es ist nicht für mich, aber ich kenne ein paar Freaks, die sich damit wegschießen wollen. Sie wissen schon. Geruchsfreaks. Stinkekäse-Fanatiker, Sockensammler, Kranken Typen. Kranke Typen mit Geld!“

„Hey, ich liebe Limburger!“ wollte ich erwidern, aber dann hätte er mich mitleidig angestarrt und den Kopf geschüttelt. Ich hörte schwere Schritte hinter mir und wirbelte herum. Die Fahrgäste hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt, doch nun stampfen sie vorsichtig näher. Einige hatten ihre Regenschirme wie Keulen erhoben und ihre Blicke waren nicht gerade nett und freundlich. „Hey du mit dem Wagen. Du hast sicher eine Leiche in deinem Wagen. Nicht wahr?“ schrie eine Frau im Geschäfts-Outfit, die Haare wild in alle Richtungen gesträubt, vermutlich war sie zu sehr aufgeregt, um es mitzubekommen. Ich drehte mich um: „Nein, Leute. Das ist nur…“

„Wollen Sie was? Das ist lecker!“ Der Mann witterte seine Chance auf ein Geschäft. Ich griff mir an den Kopf. Nichtjetzt!

„Was? Sie sind ein Kannibale! Oooooh, wir werden uns um Sie krankes Wesen kümmern. Sie Mörder. Sie Kannibale. Auf ihn.“

Ich hob beschwichtigend die Arme.

An mehr erinnere ich mich nicht, nur an Schultern und Hände, die mich rammten und aus der sich gerade öffnenden Türe warfen. Zum Glück musste ich nicht lange warten, um die nächste S-Bahn zu erwischen. Ich glaube, ihm ist nicht wirklich was passiert. Mobs gibt’s ja nur in Geschichten; nur habe ich nie wieder etwas von einem Mann, der Titanenwurz verkauft, gehört. Was mir eher Sorgen macht, wenn die Leute, die an dem Zeug schnüffeln, wieder was Neues brauchen, um ihre Sehnsüchte zu befriedigen…. ich werde meine alten Schuhe am besten unauffindbar entsorgen. Man weiß ja nie.

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 13/06/2011 in Berlineritis, Midnight-Stories und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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