Die Sache mit dem Football

Seine Füße hinterlassen tiefe Abdrücke im Schlamm. Rinnsale dreckigen Wassers umhüllen seine Schuhe, kriechen durch die Socken, hinterlassen einen Film. Wütend stampft er das Gefühl fort, lauscht genussvoll dem saftig-saugenden Klatschen der Sohle. Er fühlt die Kälte im Schatten der Wolken, die gerade vorbeigezogen sind und tief in seinem Geist erwartet ein Teil von ihm die baldige Rückkehr der noch angenehmen Herbstsonne. Seine Augen sind fixiert, festgenagelt auf ein braunes Objekt, einen Football, der ihm nach Jahrzehnten noch immer in seinen Träumen erscheint. Wie oft erwachte er im Schrei eines Sturzes, als der Himmel sein Sichtfeld einnahm und sich sein Rücken in Erwartung eines baldigen Aufpralls verhärtete.

Diesmal ist es anders. Er fühlt es. Er fühlt die Pistole in seiner Hand, deren Mündung auf eine alte Bekannte gerichtet ist. Sie starrt ihn an, weiß, was passieren wird, wenn Sie genau das tut, was als Kind ein Scherz gewesen war. Er nickt, denn er wird schießen, wenn Sie ihn wieder verarscht und dann kopfschüttelnd danebensteht und ihn fragt, ob er wirklich so dumm sei, wie er aussähe. Seine Hand streicht über die wenigen verbliebenen Haare auf seinem Kopf, den Blick eisig auf das Objekt seiner Alpträume gerichtet. „Aber ich mache so etwas nicht mehr“ hatte Sie gesagt „ich bin jetzt Konditorin. Ich habe alles aufgegeben, was ich in meiner Kindheit tat. Ich habe nicht Psychologie studiert, so wie mein Mann nie Pianist wurde, nachdem ihm eine jugendliche Gicht für immer vom Klavier getrennt hat. Lass uns in Ruhe!“

Er jedoch hatte die Pistole gezückt und Sie aufgefordert, den Football, den er im Augenwinkel gesehen hatte, aufzuheben und mit ihm durch die letzten Tropfen des Herbstregens auf das Feld zu gehen. Hier lag das Grab seines Hundes, der an einem Kanarienvogel erstickt war, damals, so unendlich lang her. Er zückt die Pistole und die Frau nickt, ihrem Schicksal ergeben und hält den Football fest. Endlich ist es soweit. Er beschleunigt, jeder Schritt wird zum Sprung, Sprünge werden zum Laufen, zum Rennen. Er visiert den Football an und kickt. Sanft gleitet sein Schuh durch die Luft, bricht durch die Hülle des Footballs und verteilt Flocken einer süß duftenden Masse von Teig und Guss, von Schokolade und Marzipan durch die Luft. Und wieder sieht er den Himmel in seinem Sichtfeld auftauchen und sein Rücken knallt mit voller Wucht im Tortenmatsch.

Aus der Ferne hört er Sirenengeheule. Wagen nähern sich, er lauscht dem Knallen von Autotüren, wie sich Menschen nähern und starrt entgeistert in das Gesicht seiner alten Bekannten und der Polizei, die sich über ihn beugen, ihm die Waffe entwenden, Handschellen anlegen und ihn ins Auto schleifen und während sich die Türen schließen, blickt er auf und starrt in die zuckenden Augen seiner ehemaligen Erzfeindin, Erzfreundin und leise in seinem Kopf hört er den alten Spruch „Noch immer nichts gelernt, Charles?“

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 24/06/2011 in Frisches, Midnight-Stories und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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