Der Apfel

Kapitel 1

„Mein lieber Bruder Sherlock“ sprach ich und tippte mit dem Finger auf sein kariertes Jackett, „du hast mich zu dieser ungastlichen Stunde aus dem Bett geholt, nun, so sprich zu mir, oh Bruder mein, was dein Begehr sei.“ Sherlock lächelte still und kratzte sich den beginnenden übernächtigen Bart. „Wie ich sehe, warst du wieder in deinem Club, zumindest sagt das deine Schuhspitze, auf dem Tabakreste liegen, die nicht mit deiner bevorzugten Marke korrelieren.“ Ich schüttelte den Kopf. „Der Diogenes Club ist der ungeselligste Club der Stadt und dort raucht keiner. Aber du hast recht. Der Tabak entspricht nicht meiner Lieblingsmarke. Ich hatte Besuch, ein wichtiges Gespräch, du weißt, Geheimsache.“

Sherlock nickte ausgesucht freundlich. „Aber nun zu deiner Frage, was mich dazu bringt, dich vor der Morgendämmerung in den Park zu beordern.“ Ich lächelte. „Vermutlich ist es das Objekt, welches hinter diesem Baum hier vor sich hinglitzern im heimeligen Glaslaternenlicht und nach verbranntem Öl stinkt. Dies überdeckt allerdings nicht den süßen Duft von Leichenfett. Wenngleich London selbst eine groteske Ansammlung von Gestank ist, gerade jetzt, im Sommer…“

Wir gingen einige Schritte und betrachteten den vormals lebenden Körper. Sherlock zündete die Laterne an, die er bereits seit Minuten stockfinster in seinen Händen hielt und leuchtete den verwesenden Körper an. „Lieber Bruder mein“, sagte ich schlussendlich, „Wir sollten Inspektor Lestrat rufen, damit er dieses Bündel aus vergangenem Mensch und die wunderlichen Objekte um ihn herum in eine Ecke Londons transportiert, die angenehmer ist als dieses Stück Landschaft. Ich vermeine, seinen gebückten Körper auf dem Weg hierher gesehen zu haben, er lungert wieder durch London wie eine Ratte, der es nach einem Stück Pferdefleisch verlangt.“ Sherlock nickte. „Lestrat wartet bereits. Er traute sich nicht, etwas anzufassen, was so
fremdartig war. Auch deshalb habe ich dich gerufen. Ich habe bereits Daguerreotypien von diesem Tatort anfertigen lassen.“ „Ich bin begeistert, mein lieber Bruder.“ bemerkte ich und erwartete in stiller Gemütsruhe den Beginn eines neuen Tages. Außerdem fühlte ich leichten Hunger. Ich bückte mich nach einem grünen Apfel, der mir einige Schritte weiter aufgefallen war und erstarrte. „Sherlock?“ rief ich, „ein Taschentuch! Bitte.“ Er trat näher und ging in die Knie. Er holte ein frisches Taschentuch aus seiner Jackentasche, griff damit nach dem Apfel und hob ihn hinauf ans Licht. „Blut, Mycroft.“ Ich nickte. „Ich glaube, das Schneewittchen hat uns einiges zu erzählen.“

Kapitel 2

Die Gerichtsmedizin war ein Ort, an dem sich der Gestank seiner kurzfristigen Gäste tief in die Wände gefressen hatte und ich hielt meine Treffen bevorzugt in dessen Nähe ab. Von Natur aus mit einem krankhaft guten olfaktorischen Sinn ausgestattet, hatte ich mich der Punkt des absoluten Terrors ausgesucht, um mich abzuhärten. Ich hoffte, Sherlock ginge es genau so, aber ich war nicht auf seine faszinierende Alternative gefasst. „Stoffstücke mit Menthol beträufelt unterdrückt den fauligen Geruch, Mycroft. Ich empfehle dir auch ein paar. Wie üblich sollte man dies allerdings auch nur 1x nutzen.“ Er lächelte jovial. Sämtliche Gaslaternen an den Wänden brannten, gossen einen dumpf-gelben Lichtstrom durch die kerkerartigen Umgebung. In der Mitte des Raums stand der Tisch mit den Überresten des Mannes aus dem Park. Seine Kleidung war altertümlich, wenngleich auch nicht so vergilbt, als dass man sie als wirklich alt hätte bezeichnen können. Sein Gesicht, was davon noch übrig war, jedenfalls, zeigte den verblüfften Eindruck eines überraschenden Todes. Das Problem war eher, dass sowohl durch seine Hosen und durch sein Hemd, durch seine Jacke und damit auch durch seine Haut und Fleisch, eine kantige Klinge gefahren war und sowohl Schnitte als auch grobe Risse bis hin zum fast vollständigen Abtrennung des Kopfes von seinem Körper geführt hatte.

„Dieser Mann scheint unglücklich geköpft worden zu sein.“ sagte Sherlock und ich stimmte ihm zu. „Unglücklich ja, lieber Bruder“, meinte ich ebenso, „der Henker hat das Rückgrat nur halb durchtrennt und der Schnitt kam, nun ja, eindeutig von vorn. Ein Mensch ‚hätte‘ sich gewehrt, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte gewesen ‚wäre‘, wenn er das Beil oder was auch immer ihm widerfahren ist, auf ihn hätte hinunterfallen sollen. Schau dir die Schnitte an, auf seinem ganzen Körper, als hätte man ihn gequält. Dennoch wirkt der Tote sonderbar… wie sage ich das, friedlich.“

„Mein Verdacht ist, der Mann ist zersägt worden“, sagte Sherlock und ich fühlte, wie sich meine linke Augenbraue hob. „Mein Bruder meldet einen Verdacht? Wo sind die deduktiven logischen Verknüpfungen bei einem Verdacht? Du hast selten Verdachtsmomente mitgeteilt, oh Bruder.“ Er nickte. „Die Schnitte sind augenfällig nicht mit einem Messer, Säbel oder etwas ähnlichem beigebracht worden. Es handelt sich um Aussparungen mit winzigen Rissen an der Seite, so dass ich eine Säge bereits vor Ort in Verdacht hatte. Jedoch, dieses Objekt, das wir gefunden haben, hat soviel Ähnlichkeit mit einer Säge, wie eine Hauskatze mit einem… wie sagen wir „Panthera leo“.“

Es war Zeit, sich die Art Säge anzuschauen, die den bedauernswerten Mann aus dem Leben katapultiert hatte. Sie hatte mit einer Säge nur die Zähne gemein, die jedoch bei einer normalen Version auf einer Seite vorhanden waren, hier über eine Art Band über die untere Seite, über ein gerundetes Endstück und oben entlang geführt wurden. Das Band begann und endete in einem metallbeschlagenen Kasten. Der Geruch nach Öl war schwach und wurde stärker, je näher man seine Nase heranbrachte. Das Innenleben des Objektes schien förmlich im Öl zu schwimmen. „Und nun kommen wir zum wahren Punkt deines Besuchs, lieber Bruder.“ sagte Sherlock und mir stellten sich, wie so oft in seiner Gegenwart, die Nackenhaare auf. „Ja, Sherlock?“ fragte ich, während ich meinen Kopf hob und ihm mein Gesicht zuwandte. „Wir beide wissen, dass die Regierung gewisse Dinge außerhalb der Reichweite der normalen Menschen, des Volks, produziert, erfindet, erforscht. Deine Augen haben dich wie üblich verraten.“ Ich fühlte, wie mich eine Welle des Hungers überrollte und gedachte, im Laufe des beginnenden Tages einige Imbisse mehr zu mir zu nehmen, da mir der Schlaf fehlte.

„Es handelt sich um eine Kettensäge. Sie wird durch einen Motor betrieben, der Miniaturausgabe eines Verbrennungsmotors. Er funktioniert über das Verbrennen von Benzin, einer raffinierten Version von Öl. Unsere Wissenschaftler haben dieses Gerät vor einigen Monaten bis zur Funktionsreife gebracht, aber du weißt, Sherlock, ‚Quod licet Iovi non licet bovi‘ oder besser, was dem Staat erlaubt ist, darf nicht unbedingt jeder tun.“

Kapitel 3

Sherlock griff in seine Tasche und holte den Apfel im Taschentuch heraus und legte ihn neben die Kettensäge. Dann wandte sich Sherlock um und holte die Objekte, die wir in der Tasche des Toten gefunden hatte heran. Er legte die silberne Taschenuhr und ein kleines schwarzes Notizbuch auf den Tisch. „Die Taschenuhr geht falsch.“ sagte er und ich öffnete das Notizbuch.

„31. August Anno Domini 1665 – Ich erwartete, wie so oft, unter dem Apfelbaum im Park meine Kommilitonen, um mit ihnen das Konzept der optischen Lichtbrechung zu diskutieren, als, wie zu oft schon, ein Apfel sich löste und mir auf den Kopf fiel. Dies war schon der 10. oder 20. Apfel in diesem Jahr und ich war es leid. Bedauerlicherweise steht der Apfel auf dem privaten Gelände seiner königlichen Hoheit und so muss ich entweder schnell sein oder von hier fortgehen. Dem zweiten verweigere ich mich. Ein Mensch ist mächtiger als ein Baum!“

„1665?“, fragte Sherlock, „mein Gott, das ist 231 Jahre her!“ Doch ich las weiter.

„03. September Anno Domini 1665 – Habe aus einer Vision dank mäßigem Genuss von ‚Myristica fragrans‘ das Bild einer mechanisch betriebenen Säge erhalten. Diese gäbe mir die Möglichkeit, dieses widerliche Exemplar eines Apfelbaums zu vernichten.“

„10. September Anno Domini 1665 -<hier sind nur noch Fetzen sichtbar> Kontakte… Alchemisten…Tinktur… in die Zukunft reisen… Zeit bildet Kreisbewegung… Rad… zurück… 1665… Baum entledigen“
„Und so ist er hier gelandet“ sagte ich und deutete auf den Körper, der reglos auf dem Tisch lag. „Magischer Firlefanz“ schnaubte Sherlock, „dieser Mann ist niemals durch die Zeit gereist, hat nicht so lang geschlafen, um dann dieses Säge zu stehlen und dann zurückzureisen in seine Welt.“ „Hmm, du hast Recht. Jedoch, wenn ich mich recht erinnere, verschwand im Jahr 1665 einer der größten Genies aller Zeiten, der sein Augenmerk auf die Optik legte und vielversprechende Ansätze einer großartigen und langen Karriere trug. Ich habe einen Aufsatz seines Mitstudenten Barnabas Shutterworthy gelesen, der von ihm schwärmte.“

„Vermutlich hat er die Macht der Säge, wie immer er Sie auch bekommen konnte, unterschätzt. Jedoch glaub ich nicht, dass die Zeit ein Rad ist und denke, dass dieser arme Mann bis in die Unendlichkeit erstarrt geblieben wäre, wenn er eine weitere Möglichkeit gehabt hätte, die Tinktur zu nehmen. Es war ein besserer Tod, nehme ich an.“

„Armer…“ ich schlug im Notizbuch nach „Isaac Newton. Niemand wird von dir je wieder hören.“ Wir legten den Apfel auf die Brust des Toten und ich ging, die Kettensäge in ein Tuch gewickelt hinaus. Mein Hunger hatte gigantische Auswirkungen auf meinen Geist, so gestehe ich und so fiel mir erst auf der Straße ein, was ich eigentlich hätte sagen sollen: „Shutterworthy… ein großartiger Kerl. Hat damals die Mechanik auf ein komplett neues Level gebracht.“ Sherlock nickte. „Dieser Newton hätte wirklich erfolgreich sein können.“

„Hätte und können… alles wegen eines Apfels, der vom Himmel fiel..“

„und auf den falschen Kopf.“

 

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 28/06/2011 in Frisches und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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