Lethe

„Oh, ihr süßen Perlen, ihr“ flüstert er, die Finger ausgestreckt, über glitzernden Wellen des langsam dahinflüsternden dunklen Baches. Hingestreckt in ausgebleichten Stein fließt stinkendes Wasser aus der Dämmerung in die Finsternis hinter den letzten flammen untergegangenen Lebens. „Rubine, leuchtend wie die SOnne in ihren letzten Atemzügen, verdorrtes Gold aus den Fingern der Gefallenen, letzte Erinnerungen an die Welt. Oh Lethe, Fluss des Vergessens, oh Lethe, letzter Schritt in die Dunkelheit.“

„Was sagt der Alte?“
braune Zähne pressen sich ins licht, eine Zunge sticht zu, zieht sich zurück.

„Der ist wohl besoffen“
Eine Gestalt tritt aus dem Dunkel, geht einige Schritte, bleibt stehen. „Der ist wirklich komplett weggetreten, Alter!“

Die Zunge zeigt sich wieder. „COol. Hoffe, er halt noch genug Kohle für ne kleine Party.“

„Oh Lethe. Lethe, letzter Weg zurück, Verlust meines Seins.“

„Hey alter Mann“, Zunge tippt dem Alten auf die Schulter. Ein weisses Haupt, wenige Haare auf einen dürren Schädel, verschwommene Augen, zahnlose Lücken in einem Mund. „Verdammt, du bist wirklich ein Zombie, Mann.“ Zunge grinst.

„Gold. Gold. Soviel Gold, wie du haben willst, oh Krieger.“

„Echt? Geil!“ sagt der andere, kommt näher. „Moment, Mann. Der Alte hat ne Macke.“ Zunge richtet sich auf, hält seine Hand beschwichtigend hin. „Der Alte gehört mir.“

„Und? Was dann?“

„Ein Tritt und er liegt im Wasser, Mann.“ Zunge grinst. „Wer bist du, alter Mann?“

„Ich? Nur ein Krieger auf dem Weg heim. Nach Hause. Aber ich… Lethe… ich…“

„Tja, dann wirds Zeit, Mann“

Eine Gestalt rauscht durch die Nacht, durchbricht die Wasseroberfläche, zerreisst Reflektionen und Träume von verborgenen Schätzen.

„Der Alte kann fliiiiieeeeegeeeeen“ ruft Zunge. Sein Kumpel starrt in die plätschernde Finsternis. „Verdammt, mir fehlt seine Kohle!“

„Du hast Recht, Mann! Da ist seine Jacke.“ Er greift ins Wasser, packt sie und zieht sie hinaus. „Die hängt fest, Mann!“ Zunge packt mit an und sie zerren gemeinsam an dem Stück Stoff.

Arme winden sich aus dem nassen Nichts in die Luft, knorrige Hände packen die beiden kreischenden Gestalten und ziehen sie mit einem Ruck hinunter in die stinkende Brühe und ein Wesen aus Knochen und Sehnen zieht sich selbst hinaus aufs Land, schaut nicht zurück, folgt dem Ruf eines düsteren Gerichts und auf dem sich nun wieder ruhenden Bach treibt eine hellgraue Jacke hinab in die Ewigkeit.

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Über lykasscriptorium

getriebener Autor, der Rohtexte veröffentlicht, zumindest in diesem Blog. Bedenke dies, wenn du meine Sachen liest: Sie sind frisch aus dem Kopf auf virtuellem Papier gelandet, ohne großartige Nachbearbeitung. Achja, eine kleine Erweiterung an eben jenem Abend des 01.05.2011 This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. und nun... weitertanzen

Veröffentlicht am 13/07/2011 in Frisches, Midnight-Stories und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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