Archiv der Kategorie: Midnight-Stories

Seine Majestät ist unzufrieden

»Erzähle es mir, erzähl mir vom Land.«

Er richtet sich auf und blickt aus dem Fenster. Die Nacht zeigt ihre schönste Seite, Sterne, Juwelen gleich, bedecken das Himmelszelt; der Wind treibt Wolkenschafe zu einer fernen Herde zusammen.

»Oh König«, beginnt Rorak der Weise, »Die Welt ist ein Dorf und ihr seid die Sonne, die über allem strahlt. Nun höret, eure Majestät.

Die Ähren hängen tief herab, schwer von ihren Körnern. Die Bäume reichen ihre Früchte jenen, die ihre Hände ausstrecken, fast schon fallen sie ihnen in die Hände. Die Herden der Rinder, der Schafe, sie wachsen und würden, wenn eure Güte sie nicht uns Volk opfert, in weniger als einer Generation dieses Land einnehmen. Die Bienen ergötzen sich an den Gärten der Menschen, die voller Blumen sind, verzaubernd bunt. Sie bringen uns mehr Honig, als die Heiler es uns erlauben würden. Fett wird die Welt an eurem Segen.«

»Und die Häuser?«

Rorak runzelt die Stirn: »Welche meint ihr, Herr?«

König Elrak dreht sich um. Seine Augen fixieren den alten Mann, doch ein grimmiges Lächeln erleuchtet das majestätische Gesicht, so dass Rorak weiß, um was es geht.

»Die 14 Häuser sind durch euren Frieden gebunden. Sie streben nicht nach Macht, nach Land, sondern sie sehnen sich weiterhin nach eurer Güte, nach euren Gesetzen. Ihr Gold ist rein, ihre Herzen sind tapfer, ihre Söhne sind stark und Töchter schön und …«

»Ja ja«, unterbricht ihn seine Hoheit. Elrak gähnt. Seine Zähne blenden die Wache, deren Waffen nur Tand sind, denn jeder kennt die Geschichten, jeder lobpreist die Taten seiner Majestät.

»Ich habe die Armee nicht entlassen, weil ich weiß, dass sie keine andere Arbeit findet, Rorak. Ich habe die Familien geformt, wie ich es wollte. Ich lebe in den Herzen der Menschen … und dennoch -«

Er blickt aus dem Fenster, betrachtet die Lichter in den Straßen und Gassen der Stadt. Sie alle flüstern seinen Namen: »… und dennoch … «

»Eure Feinde sind besiegt worden. Ihr selbst habt die Kämpfe ausgefochten, ihre Stärken in Schwächen, ihre Wut in Sanftheit verwandelt. Täglich kommen Karawanen und Wagen, aus allen Ländern dieser Welt, sie alle dienen euch und sie dienen euch gerne.«

»Da ist keiner, der mich bezwingen will?«

»Nein«, antwortet Rorak, »keiner. Eure Stärke ist die eines Helden aus den Sagen. Eure Macht ist eure Weisheit und euer Ruhm wird nie vergehen. Ihr habt die Arenen geschlossen. Ihr habt die Gerechtigkeit der Strafe vorgezogen. Euer Licht erleuchtet die Herzen aller …«

»Aller? Wirklich aller?«

Rorak schluckt. »Es gibt wenige, die wie ein Hauch sind in einem Sturm. Doch sie sind schwach … sie nutzen die Schrift, um euch zu … beleidigen. Wir finden sie und bringen sie fort. Die Ferne ist die Heimat der Fremden und wer euch verachtet, der ist für uns ein Fremder.«

»Und wenn sie nicht gehen?«, fragt König Elrak, dessen Hand über seinen noch immer kohlrabenschwarzen Bart fährt, »Was ist, wenn sie Einfluss gewinnen?«

»Das wird niemals geschehen … Euer Reich ist perfekt, eure Existenz ist ein Geschenk, eure -«

»Ich langweile mich«, murmelt Elrak und lehnt sich an eine Säule, geschmückt mit den Flügeln tausender Smaragdfalter, die einem der Könige gehört haben, die keine Geschichtsschreibung mehr kennt, »fast 800 Jahre auf dieser Welt, regiere sie, plane sie, und alles ist perfekt… fast alles.« Er löst sich von den Steinen, streckt sich. In der Ferne erbeben die Herzen der Menschen, die ihn beobachten, ihn immer als Idol, als Götzen sehen, als einen, der vom Himmel gefallen ist, als einen, der sie gerettet hat.

»Fast alles ist perfekt, oh Gebieter«, Rorak verneigt sich, seine Knie beben, »Wir werden dafür sorgen, dass …«

»So langweilig«, des Königs Stimme zittert, seine Faust knirscht.

Er wandert zu seinem Tisch, drückt einen versteckten Knopf. Eine Schublade öffnet sich, fast unhörbar. Seine Majestät König Elrak pustet den Staub von einem Buch, hustet.

»Rorak«, er hebt seinen Blick und lächelt, doch diesmal schwimmt sein Gesicht in einem Meer aus Freude, aus echter Begeisterung, als wäre er aus einem Traum erwacht, »Rorak, hast du schon einmal den Begriff ›Revolution‹ gehört?«

 

Advertisements

Die Jagd

Stille

kein Ton dringt an sein Ohr

nur langsam, in weiter Ferne, sein Herzschlag, wie Nebel. Er dreht seinen Kopf, die Welt zieht vorbei, grün und braun, im Hintergrund dunkles Blau, von weißen Kringeln durchzogen. Seine Fußzehen bohren sich in die Sandalen, Fichtennadeln stechen seine bloßen Füße. Er geht in die Knie, wischt sie ab, hört das leise Kratzen seiner Finger, die über die ledernen Riemen rutschen.

Weiterhin Ruhe. Ein Hauch von Wind atmet in sein Genick, er zuckt zusammen, verharrt in dieser Position, dreht sich um. Der Wald hat sich nicht verändert. Bäume und Büsche rühren sich nicht. Wieder dreht er sich um, betrachtet die Borke des Baums direkt vor ihm.

Er spürt, wie er seinen Atem wiederfindet. Seine Ohren pochen, sein Blut rauscht, seine Zähne knirschen verzweifelt.

Mit aller Vorsicht schiebt er sich von seiner Position weg, lässt die unsichere Stelle hinter sich zurück. Langsam versinkt sein klopfendes Herz wieder in seinem Brustkorb. Weiter und weiter, wie ein Tier, das seinem Verfolger entkommen ist, rutscht er über den fleckigen Waldboden. Kein Geräusch machen. Jetzt kein… es knackt, ein Zweig rutscht an seinem Bein vorbei, hinterlässt nach einem Augenblick einen blutroten Striemen. Doch er sieht es nicht, seine Augen haben etwas erkannt, einen Fleck, orange mit gelben Linien durchzogen.

Wieder geht er in die Knie. Seine Hände umfassen das Gras zu seinen Füßen. Der Busch, nur einen Meter entfernt, wird ihm Schutz gewähren, wenn er… wieder knackt es. Ein dumpfer Knall, ein dahi ntrabendes Tier. Wieder atmet er nicht, nur für ein paar Sekunden. Seine Augen hängen an den farbigen Flecken wie ein Fisch an der Angel.

Der Busch hat seine schützende Hand abgezogen. Er erhebt sich aus der Deckung, kriecht näher, seine Hände schwitzen, sein Kopf dröhnt, seine Füße pressen sich in den Boden, suchen einen Stein, einen Block, um sich abzustützen, um die letzte, viel zu lange Entfernung mit einem schnellen Sprung hinter sich zu bringen. Wieder ein Krachen, diesmal näher. Er hört sich selbst fluchen, ein heiseres Raunen entrinnt seiner Kehle. Keine Reaktion vor ihm. Jetzt oder nie, rufen Herz und Verstand.

„Ich hab dich. Du bist dran!“ Der andere dreht sich zu ihm um. Sein Kopf liegt quer über seinem Hals gespannt, seine Hände umfassen weiterhin den Baum vor ihm, ein Auge von der Größe seines Mundes blitzt auf und die Zungen hinter den unzähligen winzigen Zähnen kosten die Panik, die ihn in diesem Moment überwältigt.

„Ich bin nicht dran,“, zischt das Wesen und sein Augenlid schließt sich für einen Moment, „aber du bist.“

 

Zwei Schatten

Ich sah die Gestalt vor mir auf dem Weg zur U-Bahn. Ihr riesiger Schatten schien die Welt auszulöschen, aber es war nur das taktisch schlecht platzierte Licht der Laternen an den weiß-bemalten Neubewohnerhäusern, die zeigen wollten, wie hip sie wären, in dem Sie diese Lämpchen von Dämmerung zu Dämmerung dahinschweifen liefen.

Er war schneller als ich, ich wanderte langsam nach meinem Arbeitsabend durch die beginnende Nacht. Die Straße war fast leer, ein paar Fenster waren offen und hinterließen einen sanften Teppich aus blauem Licht und fernen Explosionen aus den fremden Welten der Fernsehprogramme. Ich sah ihn über den Hügel stampfen, als wäre etwas hinter ihm her, ich war es nicht. Ich ging nur in die selbe Richtung wie er, nun hügelabwärts an einem Amüsierschuppen in liebesblutrot vorbei, das Gebrabbel von Restaurantgästen erfüllte mich, ich lauschte Ihnen für ein paar Augenblicke, dann war ich vorbei und er augenscheinlich schon vor Ewigkeiten. Auch ich schlurfte die ermüdende Treppe in die U-Bahn-Station hinunter. Da war er wieder, das Gesicht gesenkt, starrte er auf die Gleise, stand an meinem Platz, unbeweglich wie eine Mauer. Ich stellte ich neben ihn hin, blickte auf die helle Fliese, die meinen Platz auf dem Bahnsteig markierte, um den besten Platz zu finden. Er wich mir aus, ging ein halbes Dutzend Schritte nach rechts davon. Ich blieb stehen. Merkwürdigkeiten schossen mir in den Kopf. Ich starrte die Uhr an, die mir sagte, dass es kaum noch ein paar Augenblicke wäre, bis ich endlich meinen Abgang machen könnte.

Die Bahn auf der Gegenseite fuhr davon, ich hatte nicht gehört, wie sie angekommen war, die Abendgäste ausgespuckt, neue Mitfahrer eingesaugt, eingesargt hatte. Er stand neben mir, blickte immer auf die Zeit, als ob es wichtig wäre, er hatte mich verfolgt, schleichend nur, hatte mich von meinem Platz gedrängt, als ob es der seine wäre.Endlich kam die Bahn. Doch die Position der Tür war taktisch falsch, so trat ich nach ihm in dieselbe, in der er verschwunden war, ein. Er hatte keinen Platz gefunden, einen Hauch von Genugtuung konnte ich nicht verbergen. Er schaute weg. Ich auch.

Ich hörte Musik. Er las ein Buch, irgendein schwarzes Digitalschriftstück starrte mich an. Ich hatte mein ähnliches in meinem Rucksack. Er blickte immer wieder auf und las die Stationsanzeigen mit unnatürlicher Aufmerksamkeit. Ich fand das lächerlich, aber er war halt komisch. Ich hasste es, zu stehen, gerade so lang, aber was ist, ist schlecht, also musste ich mich daran gewöhnen.

Die Fahrt zog sich hin. Das Buch war nicht gerade schlecht, aber es hätte besser sein können. Im Hintergrund war das Säuseln irgendwelcher fremdartiger Noten zu hören. Er war noch immer da. Idiot. Wann würde er aussteigen? Die Geschichte im Buch war dämlich, aber ich hatte nichts anderes und seine Musik spielte noch immer.

Menschenmassen stiegen aus und wieder ein. Der Wagon platzte und atmete wieder. Die Nacht nahm Ihre Arbeit auf und ließ nur die Bekloppten zurück, die Schlaflosen, die Trunkenen.

Er war noch immer da. Diese Fremde in seinen Augen machte mich mürbe.

Er ging nicht weg. Er blieb da, angewurzelt.

Eine Ewigkeit verstrich, ganz sachte wie eine Feile auf Blech, genauso wie die Bremsen und das Tröten der Bahn, ein Taumel aus Nichts und Allem.

Ich sah, wie er ausstieg und davoneilte. Ging er nicht in die falsche Richtung? Ja, das tat er. Dieser… Idiot. Ich… aber er hatte ja noch Zeit, sich für eine Tür zu entscheiden. Ich folgte ihm.

Er folgte mir ebenso wie ich ihm, aber das hatte keinerlei Bewandtnis, auch wenn ich seine Schuhe hörte. Ein halbes Dutzend Türen hatte er Zeit.

Die Straße lag leer vor mir. Und ihm. Die letzten Gäste hatten die Fußsteige verlassen. Der Mond kicherte leise unterm Sternenzelt.

Ich konnte ihn nicht mehr hören, aber mich umzudrehen, wäre dämlich gewesen. Ich fühlte, er war da.

Das Glastor war geschlossen, meine Finger hatten den Schlüsselbund schon Ewigkeiten gepackt und suchten den Schlüssel.

Er schloss die Tür auf, zitterte, huschte hinein. Ich wollte den meinen Schlüssel nicht suchen, also rannte ich los und erwischte das Glas noch im letzten Augenblick. Er stob davon. Der Innenhof war einsam.

Er wohnte im Haus?

Ich suchte die Tür… vermutlich, ich meine, es gab noch andere Türen im Innenhof… er musste mir nicht folgen. Ich stieß die Tür auf und schloss Sie hinter mir. Die Treppe. Ich hörte seinen Schlüssel.

Idiot. Wieso riss er die Tür so zu? Hatte er Angst? Ich hätte Angst haben müssen! Ich meine… was, wenn er wusste, er ich war?

Die Treppen hinauf. Es knackte hinter mir. Schlüssel klimperten theatralisch. Seine Schritte waren überall.

Er stand vor der Tür. Sie war reflektierte ihn. Sie reflektierte mich. Er drehte sich um. Unsere Blicken trafen sich. „Hallo Emanuel“ sagte er.

„Hallo Emanuel“ antwortete er. „Feierabend“ sagte er. Wir nickten. „Wir wissen“ sagten wir, „dass wir Fremde sind“ sagten wir, „im selben Geist.“ “…und im selben Dasein“.

Ich drückte die Tür auf und ging hinein. „Fremde im selbem Geist, im selben Dasein, pfff“, wiederholte ich leise, „was für ein Idiot.“ Die Tür schloss sich. Die Welt schlief davon.

Die Überraschung

Vorwort: unter Umständen FSK 16. Aber Wer ist schon alt genug für das Leben.

Sie war zu spät dran, wie immer. Johann dachte daran, dass dies eine der nervigsten Eigenschaften einer Frau war, aber bei ihr war das liebenswert. Er sagte sich immer wieder, dass sie sich auf ihn freute, sich speziell für ihn vorbereitete. Er lächelte bei dem Gedanken, doch mit dem Blick auf die andere Seite der Bar verdunkelte sich wieder sein Blick. Dort saß jemand. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Es dämmerte draußen und Johann hoffte, dass sie bald vorbeikäme, noch eine Stunde mit dem Fremden im Raum wäre nicht auszuhalten gewesen, doch… wenn sie kam, würde sie alles erklären können, wie immer.

Er fühlte, wie die Dämlichkeit seines Grinsens zurückkam und wandte sich um, um sein Gesicht vor den anderen im der Bar zu verbergen. Regentropfen rannen so vorsichtig die Fensterscheiben herunter, als würden sie unterwegs gefrieren, so blau wie ihre Augen. Gedanken an sie waren immer da. Wenn er aufwachte, war sie es, die ihn vom Handyscreen anschaute, ein Blick voller Freude an einem frühen Morgen. Am Mittag rief er kurz an, das durfte er, sie erwartete es von ihm und am Abend, aber nur wenn sie daheim war, allein, ohne Gatten, ebenso. Johann fühlte, wie sein Herz beim alleinigen Gedanken an einen Ehemannes vor Zorn bebte. Er hatte sie angefleht, ihn zu verlassen, doch sie hatte sich immer wieder abgewiegelt, hatte Gründe vorgeschoben wie ein Kleinkind und wie ebenso eines hatte Johann gefleht, geweint, gebettelt, doch sie war hart geblieben. Lachhaft, hart… sie war wie eine Sonnenblume im Sommerwind.

Der Mann mit den Füßen auf dem Tisch… mit dem war was faul. Nicht, dass Johann sein Vertrauen auf Vorahnung setzen konnte, aber in diesem Fall, in einem geschlossenen Raum ohne Aussicht auf sie, die da kommen sollte, schon vor 10 Minuten, es war ein ganz schlechter Zeitpunkt für genau diese Art Nervosität, die dies in ihm auslöste. „Heh“. Johann folgte der Stimme. Der Fuß-auf-dem-Tisch-Mann grinste ihn finster an. „Was machst du heute abend hier?“ fragte er. Johann zuckte mit den Schultern. „Warten? Und… Sie?“ das „Sie“ war signifikant leiser als geplant. „Meine Alte kommt vorbei. Will mir meinen Nachfolger vorstellen.“ Er grinste.

 Johann fühlte, dass ihm kalt ums Herz wurde. „So?“ fragte er. Sein Gegenüber nickte. „Die Alte denkt, dass ich ihm was tue, wenn ich nicht weiß, dass sie in guten Händen ist. Außerdem habe ich doch eine Art“ er beugte sich vor, „Mitspracherecht.“ Er lehnte sich wieder zurück. Wut flammte auf, hinterließ einen Fleck auf dem Verstand, der sich nicht wegwischen ließ. Er erinnerte sich an die SMS: „Komme 20 Uhr. Jemand will dich kennenlernen. Freu dich. HDL“. Worte konnten nicht mehr beschreiben, wie er nun sich fühlte, da war nur Kälte und, wenn er die Augen schloss, blendende Finsternis „Mitspracherecht?“ fragte er den Mann. „Dann werden wir schauen, wer der stärkere ist. Meine Alte und ich haben da so…“ er nahm einen Schluck vom Bier, rülpste und starrte Johann an. „ein Spiel.“ „Ein Spiel?“ fragte Johann. Der andere nickte. „Wir kämpfen. Wenn er gewinnt, ist sie mich los. Wenn ich gewinne, nun…“ er grinste. Die Faust fiel auf den Tisch, das Holz jaulte schmerzhaft, verstummte wieder.

 Johann nickte. Irgendwo hatte er doch… in seiner Jacke. Ja. genau. Passive Bewaffnung ist verboten, aber wozu hat man ein Teppichmesser. Bevor er tot war, war der andere dran. Notwehr. Ganz klar. Er konnte alles erklären, falls… „He“ rief der andere, „komm doch mal her.“ Johanns Muskeln erstarrten, er schluckte. „Wawarum?“ fragt er. „Weil du nicht gefährlich aussiehst. Deshalb. Meine Alte soll sehen, dass ich nicht nur“ er lachte „total menschenfeindlich bin. Naja, für ein paar Augenblicke.“ Er grinste. Wie von einem Puppenspieler gezogen, erhob sich Johann und schlurfte hinüber zu seinem neuen „Freund“. „Setz dich.“ befahl der Mann. Johann musste an die SMS denken. Deshalb hatte er noch niemanden aus ihrem Bekanntenkreis kennengelernt. sie hatte mit ihm gespielt, hatte ihn glauben lassen, dass er wichtig für sie wäre, bevor sie ihn heute Abend abservieren lassen würde. Der Typ sah in der Nähe noch viel gemeiner aus als aus der allzu-sicheren Ecke.

 „He, Kellner, ein Bier für meinen neuen Freund“ einige kurze Fauststöße auf den Oberarm später, die sicher zu blauen Flecken werden würden… blaue Flecke, bei Gott, das wäre das geringste Übel, aber mit gebrochenen Knochen aufzuwachen oder gar nicht mehr, tot in irgendeinem Gulli zu landen, zu verfaulen, nur weil eine Frau, ja, eine Frau, die er zu lieben gedacht hatte, bis zur Unendlichkeit der Zeit hinweg, nur weil sie ihn in eine Falle gelockt hatte.

 „Dein Handy“ sagte der Mann. Johann blickte auf. Der Bildschirm flammte auf, das Vibrieren durchströmte den Raum um sie herum. „Du willst nicht?“ fragte der Fremde. Johann schüttelte den Kopf. „Ach komm, so schlimm? Was mit ner Frau?“ er grinste. Langsam, aber sicher fühlte Johann, dass ihm dieses allumfassende Grinsen über wurde, immer debiler, dumpfer, bösartiger, als ob ein Clown mit seinen Innereien spielen würde, wütend und sadistisch. „Hey“ rief er. Der Mann war aufgestanden und hielt das Handy gepackt. „Hehe, Kleiner, eine SMS. „Ist meine Überraschung schon da?“ Was…“ Seine Augen starrten auf die Klinge, die in Johanns Händen lag, während ein Fluss von Blut über seine Kleidung lief, seine Arme hinabtropfte. Johanns Beine versagten. Das Messer knallte auf die Fliesen, während seine Knie beim Aufprall jaulten. Er blickte auf und sah den Berg von Mann, der verzweifelt versuchte, sich aufrecht zu halten, gegen einen Tisch knallte und diesen umriss, bevor auch er zusammenbrach

 Johann versuchte, das Röcheln des Sterbenden zu überhören. Das Handy klingelte in einer Lache von Blut und verstummte. Der Kellner würgte im Hintergrund, Schreie wurden laut. Die Tür öffnete sich. Johann blickte auf. Seine Sonnenblume. Seine Sonne. Sein Leben. „Deine Überraschung“ flüsterte Johann. Sie wankte zurück, Johann hörte, wie seine Stimme aufbegehrte. „Deine Überraschung“ das Brüllen kam von ganz allein, „deine beschissene Überraschung. Er sollte mich fertigmachen. Ich kenne euer Spiel.“ Ihr bleiches Gesicht bewegte sich panisch. „Mein Mann, er hat der Scheidung zugestimmt… das war die… Überraschung. Ich habe meinen Anwalt… oh Gott… Du hast… einen Fremden… einfach so… Oh Gott.“ Sie wandte sich um, die Hände vor dem Bauch verschränkt. Eine Gestalt schob sich an ihr vorbei, ging auf ihn zu und beugte sich zu ihm herunter. „Sie brauchen auch einen Anwalt?“ Johann nahm die Karte an sich, die ihm der Mann entgegenstreckte, konnte die Schrift nicht lesen, so sehr zitterte er, blickte auf, fragte „Was habe ich getan? Was soll ich tun?“ Der Anwalt grinste „Plädieren sie einfach auf Notwehr. So mach ich das auch immer.“

Der Pfad – Eine Erinnerung

Wenn immer ich mich an meine Kindheit erinnere, denke ich an den Pfad. Gut, für die Großen, Erwachsenen ist es keine echte Herausforderung, den eingezäunten Pfad zwischen zwei getrennten Teilen meiner Heimatstadt zu betreten, aber für mich war es, so oft ich mich auch beherrschen wollte, ein lebendig gewordener Alptraum.

Du musst es dir so vorstellen:

Der Weg hinauf in den Pfad ist so schmal, dass nur ein einzelner Erwachsener ihn beschreiten kann. Es ist kaum möglich, einem möglichen Entgegenkommenden auszuweichen, weil rechts von dir ein Abgrund lauert; die Bäume, die einst den Abhang stützten, wurden ausgelöscht, abgehackt, verbrannt, vernichtet. Nun findest du dort nur noch Dreck, kaum fähig, dich zu stützen, wenn du den Halt verlierst. Auf der linken Seite ein Zaun, hinter dem ein Grundstück auf seine Gäste wartet, daneben, und über den Geruch wirst du sicher nicht erfreut sein: Ein Hühnerstall… wenigstens im Winter erträglich, aber dann möchtest du noch weniger den Gang betreten… denn die Angst, die du in den nächsten Erleben wirst, zehrt von der Finsternis, der du begegnen wirst.

Aus der Entfernung mag der Pfad winzig erscheinen, aber jeder Schritt, der dich hineinträgt, verlängert den Weg bis zum anderen Ende, bis zum Ausgang. Dort, in einer Entfernung, die du nie überwinden wirst, ohne an Herzrasen oder an anderen Dingen zu sterben, wartet die Rettung.

Doch genug von der Hoffnung, es ist noch ein weiter Weg. Aus dem Zaun, den du vor dem Weg in den Abgrund deines Angst noch sehen wirst, beugt sich eine Hecke in deine Richtung. Welches Glück du im Sommer hast, wenn Blätter dich an der Wange streifen, während du dich aufmachst, die Dunkelheit zu betreten. Im Winter jedoch kratzen Finger toter Hände an deiner Kleidung, zerren dich in eine Welt, die du nie betreten willst, biegen sich dir nach, wenn du an Ihnen vorbei schleichst, als hätten sie Augen, die nur auf dich warten.

Auf der rechten Seite, wenn du überlebt hast, wird dir ein großer Garten gezeigt, in dem sonst Menschen feiern, Kinder spielen, um die Birken laufen, sich verstecken, doch nicht im Winter. Du versuchst, dein Keuchen zu unterdrücken, damit du deinen Schritten im Schnee lauschen kannst, dem Knarren deiner Schuhe , wenn Sie die weiße Pracht zusammenpressen, Spuren hinterlassen. Spuren, denen du folgen möchtest, falls du doch noch umkehren würdest, ein paar Schritte, dann wärst du wieder frei.

Die schwarzen Augen der Birken folgen dir, wispern im Rauschen des Winterwinds Geschichten über verlorene Kinder, die vor Jahren erfroren sind, deren Geister noch immer die Hände Ihrer Eltern suchen und nur deinen Anorak finden, sich daran festklammern, flehen und zittern, während du, nur du, sie hören kannst.

Der Pfad wird schmaler, während du ihn beschreitest. Die Zäune beugen sich unter der Last der Jahre hinunter, berühren sich fast an ihren oberen Rändern, während die Hecken ihr Bestes tun, um die Illusion zu verstärken, du seist gefangen, doch du bist es nicht, nicht für diesen Augenblick.

Hörst du das Knurren? Ich höre es, noch immer in meinen Träumen. Das Knurren wird lauter und lauter, bis das Tier, der Hund, bellend, zeternd, kreischend, die Zähne gefletscht auf dich zustürmt, nur von einer Kette gehalten, die zu dünn für seinen Hals wirkt, seinen Kopf nur ein paar Handbreit vor deinem Gesicht stoppen lässt, das diese zornige Kreatur dir zerfleischen würde, wenn Sie könnte. Unfähig, dich für Augenblicke zu bewegen, erstarrst du zu Eis, denn jeder kleine Schritt lässt diese Bestie glauben, du wärst Futter, ein kleiner Snack vor Mitternacht.

Das Bellen des Tiers folgt einem, trotz vorsichtiger Schritte und in der Ferne erblickst du tatsächlich den Ausgang. Bald hast du es geschafft… falls nicht… Du wirbelst herum. War da was? Vermutlich nur Schnee, der von den Ästen herunter geweht wurde. Am anderen Ende, von dem du gekommen bist, hat sich doch etwas bewegt! Du starrst hin, versuchst etwas in der Dämmerung des frühen Nachmittags zu erkennen. Da ist doch jemand. Deine Füße bewegen sich fort, rückwärts, erst vorsichtig, dann schneller, dann drehst du dich um und rennst los. Es kann nicht so schnell sein, doch nur Augenblicke später fühlst du seine Fingernägel an deiner Kapuze kratzen, fühlst, wie du an einen Zaun knallst, nur um im nächsten Augenblick Schnee in den Nacken zu bekommen, weil deine Aktion einen Ast gelöst hat, der nach oben schnellt und seiner Last an Winterwunderland befreit wird. Für dich jedoch, mein Freund, ist der Schnee eine Hand, seine Hand, die des Todes, die des Vergessenwerdens. Die Brücke, kaum einen Meter breit, die über den Bach in den Karpfenteich eines der Anwohner fließt, siehst du kaum noch, hörst nur das Knirschen der Bretter unter dir und schießt, nur wenige Schritte davon entfernt, hinaus ins Freie.

Du schüttelst dir den Schnee, dessen Schmelzwasser schon den Nacken hinunterläuft, vom Hals und blickst im Augenwinkel hinter dich. Dort ist, wie so oft, niemand, keine Gestalt aus Ästen und Zweigen, keine Kinder, die mit dir spielen wollen… nur der Pfad, der wieder daliegt, als wäre nichts geschehen, dessen Boden mit deinen, nur deinen Stiefelabdrücken gesät ist, deren Schatten sich im Dämmern des beginnenden Abends auflösen.. dessen Zweige, Händen gleich, Abschied winken und der Wind, der durch die kahlen Hecken weht, ein Versprechen flüstert… auf dich zu warten, auf dich und auf mich zu warten, ganz gleich, wie groß und erwachsen wir uns hier, im Licht unserer allzu sicheren Wohnung fühlen.

Die Heimfahrt

Er wartete, wie zu oft zuvor, am glühendheißen Tor, das ins Gefängnis führte. Die Sonne brannte sich einen Weg durch die staubige Luft, ließ den Geruch von Müll aufsteigen, versuchte, ihn zu vertreiben. Es war erfolglos. Er hätte an einem anderen Ort sein müssen, weit entfernt von dieser Stätte des Hasses, doch man hatte ihn hergebeten, um seinen Bruder abzuholen.

Er wusste, dass er ihn verabscheute, folgte dem Drang, auszuspucken, verwandelte den Dreck auf seinem rechten Stiefel in Schlamm. Verdammt. Das Tor quietschte, wie so oft, in seiner Gegenwart, immer wieder sowohl Enttäuschung als auch Erleichterung. Er wollte nicht hier sein, doch… man hielte es ihm vor, wenn er sich um unwichtigere Dinge kümmern würde.

Wieder würgte er einen Schleimklumpen aus den Tiefen seiner Lunge hervor. Er sollte aufhören, zu rauchen, es würde ihm Krebs bescheren, Impotenz, was auch immer die Worte auf den Packungen versprachen. Zu schlecht, dass er keine Zigarette mehr hatte. Er betrachtete die Leere, zerknüllte die Packung, lauschte dem Rascheln der billigen Folie und kicherte.

„Du bist da“ sagte die Stimme neben ihm. Er blickte nicht auf. „Michael…“ Sein Gegenüber hüstelte. „Freust dich nicht, mich zu sehen…“ Er nickte, abgelenkt von seinen eigenen Gedanken, wieso er das Tor überhört hatte. „War auch langsam Zeit. Komm.“ Sie wanderten über den Parkplatz, Michael deutete auf den Wagen. „Immer noch derselbe..“ „Wir verschwenden Zeit, Mike.“ Mike nickte. „Ich weiss. Ich bin nur nervös. Ich weiss, was du willst. Rache. Hey, es…“ Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass ich nicht rachsüchtig bin.“ Er versuchte zu lächeln. „Ich will nur, dass du schnell wieder bei uns bist.“

„Wie gehts den anderen?“ fragte Mike, doch er erhielt keine Antwort. „Ben?“ fragt er. Ben blickte auf. „Sorry, die Wagentür ist noch immer… genauso mies wie damals.“ Es knackte, dann stieg Ben ein, beugte sich zur Beifahrertür, drückte den Hebel. „Steig schon ein.“ „Nervös?“ fragte Mike. „Natürlich. Ich meine…“ Der Wagen ähnelte einem Backofen, eine Mischung aus Motoröl und menschlicher Langeweile. „Wie lang bist du schon hier?“ fragte er, während Ben seine Hände durch die viel zu kurzen Haare rieb. Nichtmal bei der Armee… aber das war viel zu lang her. „Sonnenaufgang.“ Mike grinste abwesend „Alte Gewohnheiten…“ „sind gute Gewohnheiten.“ Ben seufzte. „Wir fahren dann mal los. Hast du alles?“ Mike reckte die Finger von sich. „Alles dabei.“ „Gut.“

Sie schwiegen. „Wie geht es ihm?“ fragte Mike endlich, eine Frage, die Ben schon erwartet hatte. „Gut… ja…“ „Hör zu, ich wollte das Geld nicht…“ Ben schüttelte den Kopf. „Wie ich schon sagte… Hauptsache, du bist wieder bei uns.“

„Die anderen?“

„Die Familie… ist bei ihm.“ Die Pause irritierte nur einen Augenblick, Mike lachte kurz auf. Ben blickte ihn an. „Ich habe euch vermisst, ich meine, im Knast… fehlt das. Man hat ja auch nichts von euch gehört.“ Ben startete den Wagen. Der Motor schob das viel zu alte Getriebe in die richtige Richtung und der Rest des Autos folgte. „Störrisch wie ein alter Esel…“ Mike starrte aus dem Fenster. Die Reifen rutschten vom Parkplatz auf den Asphalt der Landstraße, folgten den fast so schon träumerischen Bewegungen des Lenkrads, das Ben fest umklammert hielt, als hinge sein Leben davon ab.

„Das Geld…“ fing Mike wieder an. „Ich… ich habe es gebraucht. Ich… musste einfach meiner Freundin helfen.“ Ben blickte ihn aus dem Augenwinkel an. „Freundin… du weißt… das ist so eine Sache…“ Mike fühlte die alte Wut in sich aufsteigen, atmete schwer, dann seufzte er. „Dann das Feuer… ich weiss auch nicht, was da passiert ist…“ „Solche Dinge können passieren, wenn man trinkt, Mike.“ „Ben…ich..“

„Ist gut. Ich wollte damit nicht anfangen. Wir wollen dich nur bei uns haben. Du bist wieder in der Familie. Alles wird gut.“ „Aber das Geld werde ich nie zurückzahlen können. Das Feuer, Laura, ich habe alles verloren…“ Du hast die Familie.“

„Familie? Sekte. Du weißt, was sie mit unserem Geld gemacht haben, Vater, er… hat Sachen getan, Dinge… er hat…“ Mike atmete schwer, hoffte, dass  „Ben, ich wollte nicht, es tut mir leid.“ Bens Gesicht arbeitete, doch er antwortete nichts „Es gibt keine Aliens, sie werden uns nicht holen, sie werden uns nicht zu einem fremden Planeten mitnehmen… Wir… sind Menschen!“ Ben nickte.

„Ich weiss… Es ist schwer, das zu begreifen. Ich meine… wir sind doch Freunde. Brüder… wir müssen mit Vater reden, müssen ihm die Sache austreiben… ich habe viel gelernt, Ben. Ich hatte ein halbes Jahr lang Zeit, nachzudenken. Es ist nicht vernünftig, dass…“

Er stoppte, als Bens kehliges Lachen sich im Wagen ausbreitet. Verwirrt blickt Mike in seine Richtung. „Das Geld… es kümmert uns nicht mehr. Weißt du, Vater hat mir eine Aufgabe gegeben, die ich erfülle. Bring ihn zu uns. Das waren seine Worte. Seine letzten Worte an mich, bis wir beide bei ihm sind.“

„Und wo ist er?“ Mike fühlte, wie der Druck in seinem Rücken wuchs, fühlte die Fliehkräfte, die ihn auf dieser allzu bekannten Straße herumschleuderten „Fort… wie die anderen auch.“ „Wohin sind sie denn…“ Mike stoppte, als die Striche auf der Straße begannen, sich ineinanderzuschieben. Er fühlte sein Herz, fühlte, wie das Adrenalin durch seinen Kreislauf schoss, wie eine Gewehrkugel durch Zeitungspapier. „Der menschliche Körper kann in den Weiten des Weltraums nicht überleben, Mike. Vater hat das begriffen. Du, lieber Bruder, warst genau der Katalysator für seine Erkenntnis. Er merkte an dir, teurer Bruder, dass unser Fleisch viel zu sehr an dieser Welt hängt, dass uns die Wesen aus den Tiefen der Ewigkeit nicht als ihresgleichen akzeptieren können.“ „Wo… wo ist Vater?!?“ versuchte Mike hinter dem Aufheulen des Motors zu schreien. „In der Ewigkeit.“ flüsterte Ben und blickte in die Schlucht, die sich vor ihm öffnete wie das Maul eines Drachen.

als die Welt noch lebte

Ich nehme den Gürtel und das Klackern der Revolver weckt Assoziatinen an Steine, die auf glatten Bergseen aufschlagen und weiterspringen, hell und klar. Die Sonne geht unter, doch ich muss weiter. Die Welt wird dunkel, doch das ist notwendig: im Sonnenlicht würde ich verbrennen. Ich bin kein Vampir oder sowas, die Sonne ist ein Feind geworden, bereits vor Jahren, als wir noch Hoffnungen hatten. Waffen sind nötig, weil dort draußen genug Feinde sind… Tiere, den mutierenden Strahlen des Sonnenlichts ausgesetzt; abgeschwächt durch die mangelnde Reflektionsfähigkeit des Mondes: die Nacht ist ein Freund. Es gibt nicht mehr viele Menschen, hier, auf dem kargen Land. Ich habe einen Preis bezahlt für das Zimmer… der Duft alten Fleisches, das in der Ecke vergammelt, wie lang schon? Monate? Ich persönlich sehe meine Wanderschaft als eine Art metaphysische Abstraktion einer Heldenreise: Herausgerissen aus meinem Leben als, wie kann man es beschreiben, Landschaftsumgestalter, Destruktivkünstler… doch, nun bin ich hier und die wenigen Sonnenstrahlen, die durch Lücken in den mit Brettern vernagelten Fenstern dringen, schmerzen. Erinnerungen kommen hoch, wie jedesmal… Ein Fernseher (laufen die noch? vermutlich nicht!) mit einem großen weissen Tier, einem… Panda?, der durch das selbe Ödland zieht, durch die Wüsten einer Erzählung…  wie hiess dieser Serie noch einmal? Wo wäre ich heute, über 20 Jahre später, ohne die Erziehung? Ohne diese… Inspiration, zu überleben, zu kämpfen, statt aufzugeben unter den Horden der Wesen, die die Nacht bevölkern? WO WÄRE ICH? vermutlich tot oder einer von Ihnen… Hätte es diese Serie nicht gegeben… dann gäbe es diesen Text nicht mehr…

Ich muss weiter: begleitet von dem guten Gefühl, damals etwas großartiges, grandioses, nein EPISCHES erlebt zu haben. Damals… als die Welt noch lebte. Und der Panda uns zeigte, was Überleben bedeutet.

Unterstützt den Panda!
http://www.pozible.com/index.php/archive/index/4813/description/0/0

-> http://mitteilungswahn.de/2012/01/26/panda-wasteland/

(ernsthaft. Unterstützt Kreativität! Und Pandas!)

 

Lethe

„Oh, ihr süßen Perlen, ihr“ flüstert er, die Finger ausgestreckt, über glitzernden Wellen des langsam dahinflüsternden dunklen Baches. Hingestreckt in ausgebleichten Stein fließt stinkendes Wasser aus der Dämmerung in die Finsternis hinter den letzten flammen untergegangenen Lebens. „Rubine, leuchtend wie die SOnne in ihren letzten Atemzügen, verdorrtes Gold aus den Fingern der Gefallenen, letzte Erinnerungen an die Welt. Oh Lethe, Fluss des Vergessens, oh Lethe, letzter Schritt in die Dunkelheit.“

„Was sagt der Alte?“
braune Zähne pressen sich ins licht, eine Zunge sticht zu, zieht sich zurück.

„Der ist wohl besoffen“
Eine Gestalt tritt aus dem Dunkel, geht einige Schritte, bleibt stehen. „Der ist wirklich komplett weggetreten, Alter!“

Die Zunge zeigt sich wieder. „COol. Hoffe, er halt noch genug Kohle für ne kleine Party.“

„Oh Lethe. Lethe, letzter Weg zurück, Verlust meines Seins.“

„Hey alter Mann“, Zunge tippt dem Alten auf die Schulter. Ein weisses Haupt, wenige Haare auf einen dürren Schädel, verschwommene Augen, zahnlose Lücken in einem Mund. „Verdammt, du bist wirklich ein Zombie, Mann.“ Zunge grinst.

„Gold. Gold. Soviel Gold, wie du haben willst, oh Krieger.“

„Echt? Geil!“ sagt der andere, kommt näher. „Moment, Mann. Der Alte hat ne Macke.“ Zunge richtet sich auf, hält seine Hand beschwichtigend hin. „Der Alte gehört mir.“

„Und? Was dann?“

„Ein Tritt und er liegt im Wasser, Mann.“ Zunge grinst. „Wer bist du, alter Mann?“

„Ich? Nur ein Krieger auf dem Weg heim. Nach Hause. Aber ich… Lethe… ich…“

„Tja, dann wirds Zeit, Mann“

Eine Gestalt rauscht durch die Nacht, durchbricht die Wasseroberfläche, zerreisst Reflektionen und Träume von verborgenen Schätzen.

„Der Alte kann fliiiiieeeeegeeeeen“ ruft Zunge. Sein Kumpel starrt in die plätschernde Finsternis. „Verdammt, mir fehlt seine Kohle!“

„Du hast Recht, Mann! Da ist seine Jacke.“ Er greift ins Wasser, packt sie und zieht sie hinaus. „Die hängt fest, Mann!“ Zunge packt mit an und sie zerren gemeinsam an dem Stück Stoff.

Arme winden sich aus dem nassen Nichts in die Luft, knorrige Hände packen die beiden kreischenden Gestalten und ziehen sie mit einem Ruck hinunter in die stinkende Brühe und ein Wesen aus Knochen und Sehnen zieht sich selbst hinaus aufs Land, schaut nicht zurück, folgt dem Ruf eines düsteren Gerichts und auf dem sich nun wieder ruhenden Bach treibt eine hellgraue Jacke hinab in die Ewigkeit.

Die Verbindung der Welt

und da stand er, gleich einer Antenne aus Staub und Stahl in mitten von gigantisch anmutenden Maulwurfhügeln und betrachtete gleich einer Ameise das Universum über ihm, so groß, so unendlich, so brennend kalt, dass es ihm in den Adern gefror. Er stand hier, inmitten der Welt, auf dem Gipfel seines Berges und lachte und dachte daran, wie er vor vielen Jahren seinen ersten Film gedreht hatte, ein kleines Super8-Meisterwerk namens: „Die tanzende Mandarine“ und an den Nachfolger „Der tanzende Zaun“ und wie er sich inmitten der Antarktis, der schwarzen Antarktis die lachenden Masken der Pinguine angeschaut hatte.

Ein kurzer Augenblick von Traurigkeit übermannte ihn, nun, da er das Ziel erreicht hatte. Er hatte sich nie aufhalten lassen, von der Akademie, von seinen Lehrern, von seinen abgefallenen Jüngern einer längst vergessen Kunst von Stummfilmen in Ultraviolett und von seinen Gönnern, die nach und nach dem Mainstream verfallen waren, dem dumpfen Folgen eines Drehbuchs, dem malerischen Bildkompositionswerk längst verstorbener Pinzettenfreaks und dem Hauch von spielerischer Unvernunft. „Der tanzende Schabernack“ lief nur noch nachts, wenn die Leute schliefen, als Bildschirmschoner in Untergrundkinos und die „Trilogie aus 25 Teilen“ namens „Hastoratium XUY“ war nicht einmal wirklich auf Video gelaufen, da waren die Bänder schon verglüht; unter dem erstarrten Gesicht eines dieser Produzenten-Geschöpfe tanzten tabakstinkende Flocken ihren ewigen Reigen.

Er heiratete seine Kamera-Frau, ein Geschöpft, nicht von dieser Welt. Er lief ausdauernd durch die Wellen des kaspischen Meeres, um eine Meerjungfrau zu fangen, die er im Augenwinkel erblickt hatte, er deutete Sandkastenformen als Zeichen längst vergangener Zukünfte, um Geld zu verdienen. Doch nun hatte er es geschafft, dank einem Blitzschlag aus der Steckdose, während er versucht hatte, die Aufnahme seiner Kamerafrau rückwärts laufen zu lassen, denn nun konnte er etwas erkennen, das alles übertrumpfte, was jemals in seinem Leben unvermittelbar war: Er konnte senden. Und als das Rauschen der Fernseher in seinen Nachbarwohnungen immer lauter wurde und die Schreie der Menschen überdeckte, war nur noch eine Zukunft wichtig: Er war der Sender einer neuen Sichtweise, seiner Sichtweise, die Evolution hatte gesprochen und siehe da er öffnet die Augen und aus dem Nichts sah er die Welt selbst aus seinen eigenen Augen entstehen und er tanzte seine Existenz in den Kosmos hinaus.

Die Sache mit dem Football

Seine Füße hinterlassen tiefe Abdrücke im Schlamm. Rinnsale dreckigen Wassers umhüllen seine Schuhe, kriechen durch die Socken, hinterlassen einen Film. Wütend stampft er das Gefühl fort, lauscht genussvoll dem saftig-saugenden Klatschen der Sohle. Er fühlt die Kälte im Schatten der Wolken, die gerade vorbeigezogen sind und tief in seinem Geist erwartet ein Teil von ihm die baldige Rückkehr der noch angenehmen Herbstsonne. Seine Augen sind fixiert, festgenagelt auf ein braunes Objekt, einen Football, der ihm nach Jahrzehnten noch immer in seinen Träumen erscheint. Wie oft erwachte er im Schrei eines Sturzes, als der Himmel sein Sichtfeld einnahm und sich sein Rücken in Erwartung eines baldigen Aufpralls verhärtete.

Diesmal ist es anders. Er fühlt es. Er fühlt die Pistole in seiner Hand, deren Mündung auf eine alte Bekannte gerichtet ist. Sie starrt ihn an, weiß, was passieren wird, wenn Sie genau das tut, was als Kind ein Scherz gewesen war. Er nickt, denn er wird schießen, wenn Sie ihn wieder verarscht und dann kopfschüttelnd danebensteht und ihn fragt, ob er wirklich so dumm sei, wie er aussähe. Seine Hand streicht über die wenigen verbliebenen Haare auf seinem Kopf, den Blick eisig auf das Objekt seiner Alpträume gerichtet. „Aber ich mache so etwas nicht mehr“ hatte Sie gesagt „ich bin jetzt Konditorin. Ich habe alles aufgegeben, was ich in meiner Kindheit tat. Ich habe nicht Psychologie studiert, so wie mein Mann nie Pianist wurde, nachdem ihm eine jugendliche Gicht für immer vom Klavier getrennt hat. Lass uns in Ruhe!“

Er jedoch hatte die Pistole gezückt und Sie aufgefordert, den Football, den er im Augenwinkel gesehen hatte, aufzuheben und mit ihm durch die letzten Tropfen des Herbstregens auf das Feld zu gehen. Hier lag das Grab seines Hundes, der an einem Kanarienvogel erstickt war, damals, so unendlich lang her. Er zückt die Pistole und die Frau nickt, ihrem Schicksal ergeben und hält den Football fest. Endlich ist es soweit. Er beschleunigt, jeder Schritt wird zum Sprung, Sprünge werden zum Laufen, zum Rennen. Er visiert den Football an und kickt. Sanft gleitet sein Schuh durch die Luft, bricht durch die Hülle des Footballs und verteilt Flocken einer süß duftenden Masse von Teig und Guss, von Schokolade und Marzipan durch die Luft. Und wieder sieht er den Himmel in seinem Sichtfeld auftauchen und sein Rücken knallt mit voller Wucht im Tortenmatsch.

Aus der Ferne hört er Sirenengeheule. Wagen nähern sich, er lauscht dem Knallen von Autotüren, wie sich Menschen nähern und starrt entgeistert in das Gesicht seiner alten Bekannten und der Polizei, die sich über ihn beugen, ihm die Waffe entwenden, Handschellen anlegen und ihn ins Auto schleifen und während sich die Türen schließen, blickt er auf und starrt in die zuckenden Augen seiner ehemaligen Erzfeindin, Erzfreundin und leise in seinem Kopf hört er den alten Spruch „Noch immer nichts gelernt, Charles?“