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Zwei Schatten

Ich sah die Gestalt vor mir auf dem Weg zur U-Bahn. Ihr riesiger Schatten schien die Welt auszulöschen, aber es war nur das taktisch schlecht platzierte Licht der Laternen an den weiß-bemalten Neubewohnerhäusern, die zeigen wollten, wie hip sie wären, in dem Sie diese Lämpchen von Dämmerung zu Dämmerung dahinschweifen liefen.

Er war schneller als ich, ich wanderte langsam nach meinem Arbeitsabend durch die beginnende Nacht. Die Straße war fast leer, ein paar Fenster waren offen und hinterließen einen sanften Teppich aus blauem Licht und fernen Explosionen aus den fremden Welten der Fernsehprogramme. Ich sah ihn über den Hügel stampfen, als wäre etwas hinter ihm her, ich war es nicht. Ich ging nur in die selbe Richtung wie er, nun hügelabwärts an einem Amüsierschuppen in liebesblutrot vorbei, das Gebrabbel von Restaurantgästen erfüllte mich, ich lauschte Ihnen für ein paar Augenblicke, dann war ich vorbei und er augenscheinlich schon vor Ewigkeiten. Auch ich schlurfte die ermüdende Treppe in die U-Bahn-Station hinunter. Da war er wieder, das Gesicht gesenkt, starrte er auf die Gleise, stand an meinem Platz, unbeweglich wie eine Mauer. Ich stellte ich neben ihn hin, blickte auf die helle Fliese, die meinen Platz auf dem Bahnsteig markierte, um den besten Platz zu finden. Er wich mir aus, ging ein halbes Dutzend Schritte nach rechts davon. Ich blieb stehen. Merkwürdigkeiten schossen mir in den Kopf. Ich starrte die Uhr an, die mir sagte, dass es kaum noch ein paar Augenblicke wäre, bis ich endlich meinen Abgang machen könnte.

Die Bahn auf der Gegenseite fuhr davon, ich hatte nicht gehört, wie sie angekommen war, die Abendgäste ausgespuckt, neue Mitfahrer eingesaugt, eingesargt hatte. Er stand neben mir, blickte immer auf die Zeit, als ob es wichtig wäre, er hatte mich verfolgt, schleichend nur, hatte mich von meinem Platz gedrängt, als ob es der seine wäre.Endlich kam die Bahn. Doch die Position der Tür war taktisch falsch, so trat ich nach ihm in dieselbe, in der er verschwunden war, ein. Er hatte keinen Platz gefunden, einen Hauch von Genugtuung konnte ich nicht verbergen. Er schaute weg. Ich auch.

Ich hörte Musik. Er las ein Buch, irgendein schwarzes Digitalschriftstück starrte mich an. Ich hatte mein ähnliches in meinem Rucksack. Er blickte immer wieder auf und las die Stationsanzeigen mit unnatürlicher Aufmerksamkeit. Ich fand das lächerlich, aber er war halt komisch. Ich hasste es, zu stehen, gerade so lang, aber was ist, ist schlecht, also musste ich mich daran gewöhnen.

Die Fahrt zog sich hin. Das Buch war nicht gerade schlecht, aber es hätte besser sein können. Im Hintergrund war das Säuseln irgendwelcher fremdartiger Noten zu hören. Er war noch immer da. Idiot. Wann würde er aussteigen? Die Geschichte im Buch war dämlich, aber ich hatte nichts anderes und seine Musik spielte noch immer.

Menschenmassen stiegen aus und wieder ein. Der Wagon platzte und atmete wieder. Die Nacht nahm Ihre Arbeit auf und ließ nur die Bekloppten zurück, die Schlaflosen, die Trunkenen.

Er war noch immer da. Diese Fremde in seinen Augen machte mich mürbe.

Er ging nicht weg. Er blieb da, angewurzelt.

Eine Ewigkeit verstrich, ganz sachte wie eine Feile auf Blech, genauso wie die Bremsen und das Tröten der Bahn, ein Taumel aus Nichts und Allem.

Ich sah, wie er ausstieg und davoneilte. Ging er nicht in die falsche Richtung? Ja, das tat er. Dieser… Idiot. Ich… aber er hatte ja noch Zeit, sich für eine Tür zu entscheiden. Ich folgte ihm.

Er folgte mir ebenso wie ich ihm, aber das hatte keinerlei Bewandtnis, auch wenn ich seine Schuhe hörte. Ein halbes Dutzend Türen hatte er Zeit.

Die Straße lag leer vor mir. Und ihm. Die letzten Gäste hatten die Fußsteige verlassen. Der Mond kicherte leise unterm Sternenzelt.

Ich konnte ihn nicht mehr hören, aber mich umzudrehen, wäre dämlich gewesen. Ich fühlte, er war da.

Das Glastor war geschlossen, meine Finger hatten den Schlüsselbund schon Ewigkeiten gepackt und suchten den Schlüssel.

Er schloss die Tür auf, zitterte, huschte hinein. Ich wollte den meinen Schlüssel nicht suchen, also rannte ich los und erwischte das Glas noch im letzten Augenblick. Er stob davon. Der Innenhof war einsam.

Er wohnte im Haus?

Ich suchte die Tür… vermutlich, ich meine, es gab noch andere Türen im Innenhof… er musste mir nicht folgen. Ich stieß die Tür auf und schloss Sie hinter mir. Die Treppe. Ich hörte seinen Schlüssel.

Idiot. Wieso riss er die Tür so zu? Hatte er Angst? Ich hätte Angst haben müssen! Ich meine… was, wenn er wusste, er ich war?

Die Treppen hinauf. Es knackte hinter mir. Schlüssel klimperten theatralisch. Seine Schritte waren überall.

Er stand vor der Tür. Sie war reflektierte ihn. Sie reflektierte mich. Er drehte sich um. Unsere Blicken trafen sich. „Hallo Emanuel“ sagte er.

„Hallo Emanuel“ antwortete er. „Feierabend“ sagte er. Wir nickten. „Wir wissen“ sagten wir, „dass wir Fremde sind“ sagten wir, „im selben Geist.“ “…und im selben Dasein“.

Ich drückte die Tür auf und ging hinein. „Fremde im selbem Geist, im selben Dasein, pfff“, wiederholte ich leise, „was für ein Idiot.“ Die Tür schloss sich. Die Welt schlief davon.

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S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

Die ästhetische Komponente der S-Bahn in dieser Stadt liegt im Vorbeiziehen der Häuser und Menschen, aus Tausenden wird eine kompakte Masse, wird eine Bewegte Existenz. Selbst wenn die Bahn steht, fließen Menschen hinein und hinaus, werden Menschen hineingetragen und hinausgefahren.

Die Hereinkommenden werden entweder ignoriert oder misstrauisch betrachtet, nehmen sie doch Platz weg, Luft zum Atmen, kommen näher, schauen einen streng an, wenn man die Musik zu laut aufgedreht hat, reiben ihre Knie nah an die eigenen. Deshalb stehe ich meistens in irgendeiner Ecke und betrachte die Leute. Und ich mache Notizen, lege Wortskizzen, unlesbar, nieder. Die Fahrt auf Schienen ist rucklig und haklig ist meine Schrift. Die junge Frau mit ihrer Mutter dort, die scheu zu Boden schaut, während die Mama lautstark von einem Einkauf schwärmt, von einem „Du musst dich nicht so aufreizend anziehen, Kleine.“ (Die Tochter war Ende 20, daher eine Notiz wert.) Oder jenes Erlebnis… ich war am Ende nicht mehr drin, aber Gerüchte machen die Runde, Gerüchte über den einen Geruch.

Ich stand am zeitigen Abend am Bahnsteig und schaute aus den staubigen Fenstern hinaus auf den Alexanderplatz. Ein Mann tauchte zwischen den Häusern auf, schob einen Wagen vor sich her, einen großen, quadratischen Wagen mit verschiedenen Stoffen, vielleicht Teppichen, belegt. Ich konnte es nicht sehen.

Die Bahn erreichte den Bahnsteig und ich stieg ein. Als sie nun den Transport der vielen Fahrgäste beginnen wollte, schob sich genau eben jener Wagen knackend in die sich schließende Tür und der Schiebende prügelte sein Transportmittel förmlich ins Innere des Wagens. Ich wich ihm aus, da eindeutig sichtbar war, dass entweder Wagen und Mann Platz hätten oder ich und 10 andere Menschen. Ich hätte also gebrochene oder zumindest geprellte Kniescheiben davongetragen. Irgendwann konnte die Tür nach scheinbar minutenlangen lautem Tröten geschlossen werden. Ich freute mich.

Leise Musik strömte in mein Ohr und ich übersah in meiner Heiterkeit, dass die Menschen begannen, unruhig in Richtung Wagen zu starren. Zu abgelenkt bemerkte ich nicht, wie hin und herwackelten, nervös wurden und der eine und andere vorsichtig den Platz wechselte.

Dann schützte die Wand aus Plastik mich nicht mehr, denn etwas Wiederliches kroch durch die Luft, bohrte sich in meine Nase und drang in mein Hirn. Es roch nach Tod: nicht nach frischer Erde oder dumpfen Staub oder der Verfall von Laub im Herbst, es roch nach dem Alten, Bösen, einer Erinnerung an Zeiten, bevor der Mensch lesen und schreiben, diese Dinge hinterlassen konnte.

Ich starrte den Mann an, der seinen Wagen festhielt. Ich trat näher heran, eine Art Neugier hatte mich erfasst. „Was stinkt hier denn so?“ fragte ich ihn unverwandt. „Stinken?“ fragte er. Ich nickte. „Schauen Sie mal. Es ist etwas neues.“ Stücke einer getrockneten Masse tauchten auf, als er den Teppich hob. Die Wand aus Gestank ließ meine Augen tränen, ließ meine Zunge anschwellen und meine Ohren begannen zu erblinden. „Was bei allen…“ fragte ich keuchend. „Amorphophallus titanum“ sagte der Mann und grinste. „Dieses Drecks Titanenwurz-Zeug?“ Er nickte. „Schon davon gehört?“ fragte er. Ich würgte. „Ja. Dieses Zeug ist doch…“

„Es ist nicht für mich, aber ich kenne ein paar Freaks, die sich damit wegschießen wollen. Sie wissen schon. Geruchsfreaks. Stinkekäse-Fanatiker, Sockensammler, Kranken Typen. Kranke Typen mit Geld!“

„Hey, ich liebe Limburger!“ wollte ich erwidern, aber dann hätte er mich mitleidig angestarrt und den Kopf geschüttelt. Ich hörte schwere Schritte hinter mir und wirbelte herum. Die Fahrgäste hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt, doch nun stampfen sie vorsichtig näher. Einige hatten ihre Regenschirme wie Keulen erhoben und ihre Blicke waren nicht gerade nett und freundlich. „Hey du mit dem Wagen. Du hast sicher eine Leiche in deinem Wagen. Nicht wahr?“ schrie eine Frau im Geschäfts-Outfit, die Haare wild in alle Richtungen gesträubt, vermutlich war sie zu sehr aufgeregt, um es mitzubekommen. Ich drehte mich um: „Nein, Leute. Das ist nur…“

„Wollen Sie was? Das ist lecker!“ Der Mann witterte seine Chance auf ein Geschäft. Ich griff mir an den Kopf. Nichtjetzt!

„Was? Sie sind ein Kannibale! Oooooh, wir werden uns um Sie krankes Wesen kümmern. Sie Mörder. Sie Kannibale. Auf ihn.“

Ich hob beschwichtigend die Arme.

An mehr erinnere ich mich nicht, nur an Schultern und Hände, die mich rammten und aus der sich gerade öffnenden Türe warfen. Zum Glück musste ich nicht lange warten, um die nächste S-Bahn zu erwischen. Ich glaube, ihm ist nicht wirklich was passiert. Mobs gibt’s ja nur in Geschichten; nur habe ich nie wieder etwas von einem Mann, der Titanenwurz verkauft, gehört. Was mir eher Sorgen macht, wenn die Leute, die an dem Zeug schnüffeln, wieder was Neues brauchen, um ihre Sehnsüchte zu befriedigen…. ich werde meine alten Schuhe am besten unauffindbar entsorgen. Man weiß ja nie.

Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Von allen Kreaturen ist die nun beschriebene das erbarmungswürdigste aller Lebewesen, dies nur als Warnung. Sollten Sie Mitleid haben, nehmen Sie sich ruhig die Zeit, ihm in seiner natürlichen Umgebung zu begegnen, die Zeit zwischen Abend- und Morgendämmerung. Dann entscheiden Sie sich anders.

Falls Sie nun also in der Dunkelheit in Berlin unterwegs sind, achten Sie besonders auf auffällige Humanoide. Sie erkennen die betreffenden an einem unwirklichen Gang auf 2 oder mehr Gliedmaßen. Grundsätzlich sind es 2 Beine, je nach Zustand auch nur 1,2-1,7 Beine. Der Zustand lässt sich mit dem Grad von Verwesung berechnen, dafür werden Sie aber keine Zeit haben. Auch wenn die Bewegungen sehr langsam sind, so sind sie auch zielgerichtet. Ja, die Kreatur bewegt sich auf Sie zu. Sie erkennen weiterhin recht schnell einen gewissen sogenannten „Odor“, den Eigengeruch des Wesens. Anfänglich noch streng nach Berlin selbst riechend, kristallisiert sich schnell der kupferige Duft von Blut heraus, und spätestens dann finden Sie sich in einer Wolke von Verfall wieder. Eilen Sie ruhig davon, an einer anderen Ecke finden Sie den Nächsten, der sich an Ihnen laben will. Aber keine Sorge, bis er sie bemerkt, je nach Zustand von Augen, Ohren oder Nase, sind Sie auch davon geeilt.

Sie sehen diese Wesen meistens aus dem Dunkeln treten und im grellen Licht der Straßenlaternen haben Sie vermutlich den Wunsch, zu schreien. Unterlassen Sie dies bitte, die Kreaturen finden Sie über ihre Gehörsinne. Sie haben das Gehör von Fledermäusen und auch deren Augen. Lachen Sie nun ruhig einmal, wenn Sie sich die verfallene Gestalte mit Fledermausohren und zusammengekniffenen Augenresten vorstellen. Na, tut das nicht gut?

Begeben Sie sich nun recht schnell in Richtung eine der vielen Bahnhöfe. Bevorzugen Sie höher gelegene Objekte, wie die Straßenbahn. Die Kreaturen können zwar unter bestimmten Gesichtspunkten sehr hoch springen, aber es fällt ihnen schwer, ein Plateau zu erreichen. Aufgrund ihrer schlechten Sicht landen Sie zu oft an Wänden und werden dann, wenn sie nicht schnell genug entkommen, von unseren Mitarbeitern entsorgt. In den unterirdischen Bahnen begegnen sie Ihnen augenscheinlich zu oft, auf Grund einer weiteren Schwäche, die ich bald erläutern werde.

Wenn sie nun in einer der S-Bahnen, die regelmäßig fahren, angekommen sind und sehen Sie eine der Kreaturen in der Bahn, warten Sie bitte auf die nächste. Falls Sie sich sicher sind, dass der Wagon frei ist, genießen Sie die Fahrt. Ihnen kann nichts passieren.

Sollten Sie auf dem Weg nach Hause oder an den Ort, an dem Sie wollen, Wege außerhalb unserer geschützten Transportmittel durchführen, empfehlen wir Ihnen einige Objekte, die Ihnen helfen können: Weihwasser, Kreuze, ggf. aus Silber (ästhetisch) oder Holz (preiswert) und Pfähle (auch hier in Silber, Holz oder einem wunderbaren Geschenkkarton: eine wunderbare Silberarbeit auf tropischem Zedernholz). Falls Sie mit dem Gedanken spielen, mit einer Machete, Kettensäge oder Beil durch die Großstadt zu reisen, halten Sie bitte eine entsprechende Betriebserlaubnis bereit.

Falls Sie allerdings eine Nachtigall sind und nur am Tag unterwegs sind, empfehlen wir Ihnen dennoch, dieses wertvolle Prospekt zu behalten. Bedenken Sie bitte, dass bald der Winter kommt und die Wesen, denen sie bereits kurz nach 17 Uhr im von der Straßenlaterne beleuchteten Schnee begegnen, nicht immer nette Weihnachtsmann-Vertreter oder Späteinkäufer sind.

Wenn Sie all dies beachten, fühlen Sie sich sicher aufgehoben.

Eine letzte Warnung haben wir dennoch noch vor Sie. Wenn Sie in einem unserer Wagen stehen oder vielleicht schon daheim sind und eine der Kreaturen lauert vor Ihrer Türe, streckt einen der letzten verbleibenden Finger aus und beginnt, erotisch angehauchte Worte zu zischen, lassen sie ihn nicht herein. Nur auf Ihren Wunsch hin hat die Kreatur die Erlaubnis, ein Objekt zu betreten. Ohne dieses ist es durch eine Art „metaphysische Verpflichtung“ daran gebunden, fernzubleiben.

Wenn Sie unsere Hilfestellungen beachten, werden die Beeinträchtigungen des Nachtlebens bald beendet sein. Die Natur hat in diesen Kreaturen, wie oben beschrieben, eine der sinnlosesten evolutionären Nischen betreten, die es im Laufe der Jahrtausende gegeben hat. Sie sind langsam, leiden an körperlicher Instabilität, inklusive eines korrekt funktionierenden Verstandes und sensorischer Einschränkung. Dies und die Unfähigkeit, Tageslicht zu überleben, machen sie in den nächsten Monaten von einer Seuche in eine touristische Attraktion der Hauptstadt.

Haben Sie Mitleid, aber halten Sie sich fern von der traurigsten Kreatur der Welt: eine Mischung aus „Homo Coprophagus Somnambulus“ und „Homo Wampyrus Nosferatu“, oder wie wir ihn scherzhaft zu nennen pflegen: dem Vampirzombie.

S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

Die Sonne steht hinter dem Horizont und traut sich nicht, mehr als ein paar Strahlen auf den grauen Boden, auf dem Berlin steht, zu feuern.

Hier, auf Schienen, dunkel und alt, rast, so behäbig wie möglich, eine S-Bahn entlang. Ich stehe darinnen, um diese Uhrzeit findet sich kein Sitzplatz und ich nutze meinen Blick über die Köpfe meiner Begleiter, um Ideen für Geschichten zu finden. Dieses Wetter und diese Tageszeit treibt alle in die Bahnen, unauffällige und schöne Menschen, stille und laut telefonierende, alt und jung.

Das Murmeln, Hämmer und Klopfen der Menschen um mich herum wird leiser, unterdrückt, durch den fabelhaften Soundtrack des Films “Sherlock Holmes” und so verbringe ich, auf meine visuellen Fähigkeiten beschränkt, die Zeit in einem Kokon, allein.

Ich schlafe fast ein, es ist ein dumpfer Morgen, das Wetter klebt an mir wie Zuckerwatte. Aus dem Nichts dringt ein vorsichtiges Klackern in mein Hirn. Ich versuche, die Musik lauter zu machen, doch noch immer, klick klack schnarr klack. Ich öffne meine Augen, schaue vorbei an den verwirrten Gesichtern meiner Mitfahrer und sehe einen jungen Mann, hinuntergebeugt, die Finger um einen Würfel gewunden, um einen dieser Rubik-Würfel. Er ist vollkommen konzentriert, seine Stirn bereits ein Bach aus Schweiß, die Augen quellen förmlich hinter seiner Brille hervor; sein Mund hat sich in einen bleistiftdünnen Strich verwandelt und Adern, wo auch immer dieser herkommen, pulsieren verworren über seinen Hals hinunter in das flatternde T-Shirt.

Ich kneife meine Augen zusammen, denn statt einer lustigen Art und Weise, die Zeit einfach vergehen zu lassen, sehe ich einem Kampf, einem echten Kampf zu, eine Schlacht zwischen Mensch und Objekt, zwischen Hirn und Rätsel. Ich trete näher, da mir etwas auffällt, doch etwas stößt mich zurück. Ich schaue auf, er starrt mich an. Er schüttelt den Kopf. “Nicht für dich” flüstert er, “für mich.”

Dann erkenne ich, was kämpft. Aus den schwarzen Rillen im Würfel, der sich durch jede Bewegung verwandelt, dringt eine dunkelgrüne Flamme, ein Strom aus bizarrer Energie, greift über auf seine Fingerkuppen, führt seine Finger gleich einem unsichtbaren Puppenspieler immer wieder über die farbigen Kanten. Es fehlt nicht mehr viel, kaum 3 oder 4 korrekte Zuordnungen. Aufregung macht sich im Wagon breit, als die meisten Leute hinaus wollen, es ist irgendeiner der großen Bahnhöfe auf dem Weg.

Da, ihn erwischt ein großer Mann, ein Fremder, aus dem Nichts, an der Schulter, schiebt ihn mit unerbittlicher, schon absichtlicher Gewalt hinaus ins Freie. Doch der junge Würfelspieler gibt nicht auf. Er stürzt zurück in den Wagen, wird aber zurückgezerrt. Der große Fremde hält ihn an der Schulter fest, grinst ihn mit großen Zähnen an. „Na, geschafft?” Der junge Würfelspieler schüttelt den Kopf und ich fühle, wie sich eine dumpfe Erkenntnis in seinem Hirn manifestiert, etwas dunkles, etwas ewiges, etwas…  “Nein!” schreit er und ich sehe, wie die Fäden aus dunkelgrüner Flamme sich über seine Hände ergießt, gleich einem lebendigen Wesen und ihn innerhalb von Sekunden mit einer flackernden neuen Haut überzieht und mit einem Kreischen, das nicht von dieser Welt kommt, reißt den jungen Mann hinein in die unbekannten Dimensionen des Würfels und ich fühle, dass er nicht der erste ist, der auf diesen alten Trick hereingefallen ist.

Ich schüttele den Kopf, als mir der Mann den Würfel anbietet. „Sorry, ich bin einfach nich geeignet für Ihre Spielchen.”   Doch ich weiss, er wird einen neuen Menschen finden, der den Würfel nutzen will, sei es aus versprochenem Ruhm oder aus Geld, doch jeder Versuch wird genauso erfolglos sein, bei dieser grotesken Spiel ohne Hoffnung. Denn was ich gesehen habe, ist, dass die Farben sich bei jeder Bewegung neu mischen und ich glaube auch fest daran, dass der junge Mann, der nun in einem fernen Universum aufwacht, dies irgendwo in seinem dumpfen Klickern-Klackern wusste und doch nicht aufhören konnte zu spielen.

Ich steige endlich aus und gehe hinaus in die dunkelgraue Stadt. Immerhin gibts hier normale Leute.

Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin… eine Stadt von Gestalten, die man bei Tag sehen und bei Nacht schreiend weglaufen kann, darf, wie auch immer

durch die Bauarbeiten noch immer darauf dressiert, meinen Weg über die S-Bahn zu bestreiten, nach einem bizarren Fußweg durch die Bauarbeitengesprenkelten Fußwege am Alexanderplatz… stehe ich in der Bahn und versuche „Conan“ über mein Handy zu lesen. das gelingt recht gut, dank der Kindle-Software auf dem HTC-Wildfire.

Eine Stimme lässt sich aufschrecken, dann resigniert zusammensinken:

„Möchten Sie eine Zeitung kaufen?“ was sich für mich nur anhört: „möchten Sie…“ ich schüttele den Kopf. Die Gestalt, der Stimme nach Mitte 80, dem Verhalten nach Anfang 20… schlurft weiter. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich.

Vorne im Wagon steigt die junge Frau aus und gleichzeitig steigt ein Mann ein. Dieser beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen und fordert auf, fleißig für ihn zu spenden (1,5 Monate arbeitslos). Er entschuldigt sich pauschal für seinen harschen Tonfall und man bemerkt, dass diese Entschuldigung gegebenenfalls doch gerechtfertigt ist. Ich schaue auf, dann ist der Mann bereits weg. Er verlässt den Wagon durch eine Türe, durch diese….

fast…

zeitgleich erneut eine Gestalt tritt, die eine Zeitschrift verkauft. Ich erkenne, dass Ihre Schuhe besser aussehen als die meinigen. Vermutlich eine Schülerin, was mir der Sprachduktus zu verstehen gibt. Ich schaue aus dem Fenster, und ich sehe nichts draußen. Absolut nichts. Keine hell erleuchtete Stadt, nur ein grauer Schleier.

Die Bahn hält an, die Frau ist an mir vorbeigegangen, die Leute dösen vor sich hin…

ich starre hinaus… und ich sehe, wie die junge Dame sich merkwürdig bewegt, sich in konvulsiven, fast tanzenden Rhythmen dahinzuckt, wie Ihre Haare in den Körper weichen, die Kleidung einen glänzenden Schein annimmt, ein kreischen ertönt und … die Frau weg ist. Stattdessen sehe ich einen Mann, der einen Kasten mit sich führt, darauf geschnallt ein winziges Gerät und die Panik, die mich überfällt, ist nicht gespielt, sondern…

Ein Mann spielt lustige Musik (vermutlich „Hit the Road, Jack“ und ich möchte die Road gerne hitten…)und ich weiß mit neu erwachter Erkenntnis, dass das Nichts, das das draußen wartet, auf ihn wartet, nicht auf mich, nicht auf uns… auf uns Bahnreisende. Ein Opfer ist notwendig, um diesen Fluch, der auf mir lastet… aufzuheben.

Die Bahn fährt und die Ewigkeit erscheint klein im Bezug auf die Fahrt… Die Bahn hält an, entlässt den Musikanten und erneut… die Frage nach dem Kauf einer Zeitschrift… meine Augen flattern bereits…

ich ziehe… einen 50ct-Stück aus der Hosentasche und gebe Sie der Person.

Sie nickt. Wissend ist ihr nicken und ich sehe, wie sich am Horizont Lichter bilden, die durch den Rauch der Dimension dringen, in der wir, wir alle in diesem Wagen, gefangen sind.

Die Türe öffnet sich und ich steige aus. Ich drehe mich nicht um… ich gehe hinunter in die U-Bahn… nur 1 Station… dann bin ich daheim…

„Möchten Sie eine Zeitschrift haben?“